Ernst Oberfohren

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Ernst Oberfohren  (* 15. März 1881 in Dümpten; † 7. Mai 1933 in Kiel) war ein deutscher Politiker von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Am 7. Mai 1933 kam Oberfohren in seiner Villa in der Bismarckallee 17 unter ungeklärten Umständen durch eine Schussverletzung ums Leben.[1]

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Ernst Oberfohren wurde als Sohn des Landwirts in Dümpten geboren, besuchte das Gymnasium in Mülheim an der Ruhr, das er mit dem Abitur verließ. Danach wurde er bis 1903 am Lehrerseminar in Mettmann ausgebildet. Anschließend studierte Oberfohren Evangelische Theologie, Philosophie, Germanistik und Französisch an den Universitäten von Berlin und Bonn.

Von 1909 bis 1924 war Oberfohrer als Oberlehrer (Studienrat) an der Städtischen Höheren Mädchenschule und am Lehrerinnenseminar in Kiel.
Neben seiner Schularbeit war er wissenschaftlich tätig und wurde 1914 an der Christian-Albrechts-Universität mit einer Arbeit über den Staatstheoretiker Jean Bodin (* 1529 oder 1530, † 1596) zum Doktor der Politischen Wissenschaften promoviert. Während des Ersten Weltkrieges fing Oberfohren auch an, Aufsätze zu politischen Themen zu schreiben.
Konservativ gesinnt, schloss er sich in der Weimarer Republik der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an. Seinen Beruf als Lehrer gab er 1924 auf, nachdem sich seine Interessen eindeutig der Politik zugewandt hatte.
Sein durch seinen Wohnort Kiel bedingtes Interesse für Welthandel und Seeverkehr führte zu einer ehrenamtlichen Mitgliedschaft am Institut für Weltwirtschaft. Herkunftsbedingt setzte er sich aber auch für die Belange der Landwirtschaft ein.

1919/1920 gehörte Oberfohren der Weimarer Nationalversammlung an. Von 1920 bis 1933 saß er als Abgeordneter der DNVP für den Wahlkreis Schleswig-Holstein im Reichstag. Im Rahmen seiner parlamentarischen Arbeit beschäftigte er sich mit Steuer-, Finanz- und Haushaltsfragen. Wahlkreisbedingt kamen noch Marine- und Landwirtschaftsfragen dazu.
Obwohl selbst ohne besondere Funktionen in Schleswig-Holstein, beherrschte Oberfohren den Landesverband der DNVP fast vollständig. Die Propaganda der DNVP war ausgelegt auf Gegnerschaft zur Sozialdemokratie.

Bei der Frage der Zusammenarbeit mit der NSDAP, für die sich der Parteivorsitzender Alfred Hugenberg (* 1865, † 1951] im Herbst 1931 vehement einsetzte, widersprach Oberfohren seinem Parteivorsitzenden. Als sich im Januar 1933 eine Koalition der NSDAP mit der DNVP mit dem Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg abzeichnete, war Oberfohren nicht grundsätzlich dagegen, aber er war der Meinung, dass seine Partei bestimmte Positionen bei Verhandlungen nicht aufgeben sollte.
Er kam in den folgenden Tagen zu der Erkenntnis, dass die Koalition mit der NSDAP ein Fehler gewesen war.

Rückzug und Tod[Bearbeiten]

Von den Auseinandersetzungen in der DNVP hatten die Nationalsozialisten gewußt.
Göring als Reichskommissar des preußischen Innenministeriums ordnete für den 26. und 27. März Durchsuchungen von Oberfohrens Berliner Büros und seine Villa in Düsternbrook an. Zitate aus gegen Hugenberg gerichteten Briefen, die dabei gefunden worden waren, ließ Göring an die Presse weitergeben. Diese Aktion stand im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Pressionen gegen deutschnationale Politiker und Entlassungen von Beamten, die der Partei nahestanden.

Oberfohren erwartete eine Solidaritätsaktion von Partei und Fraktion gegen die Verletzung der Rechte eines Parteikollegen. Als diese nicht eintrat, hatte er einen Nervenzusammenbruch, legte Ende März 1933 sein Reichstagsmandat nieder und zog sich verbittert nach Kiel zurück.
Seine Frau und er fürchtete durch die nationalsozialistische Presse öffentlich angegriffen und als Feinde der nationalsozialistischen Bewegung an den Pranger gestellt einer körperlichen Attacke oder einem Mordanschlag der Nationalsozialisten zum Opfer zu fallen.
Am 7. Mai 1933 wurde Oberfohren in seiner Villa erschossen aufgefunden.

Der offizielle Polizeibericht konstatierte einen Suizid. 
In der allgemein herrschenden Atmosphäre des Terrors der ersten Wochen nach der Machtergreifung wurde dies von manchen bezweifelt. Das in Paris durch Willi Münzenberg (* 1889, † 1940) im Auftrag der KPD herausgegebene Braunbuch  hatte 1933 ohne Quellennennung von einer Ermordung Oberfohrens berichtet.
Ob es wirklich Suizid war oder ein Mord, ist bis heute umstritten.

Der Historiker Peter Wulf (* 1938) verweist auf das große SA-Treffen, das am 6. und 7. Mai in Kiel stattfand und Oberfohren große Angst machte. In dieser Situation der absoluten Niederlage und des Scheiterns seines persönlichen und politischen Lebenswerkes sei ihm der Tod als der einzige Ausweg erschienen. Oberfohrens Witwe gab schon 1956 zu Protokoll, ihr Mann habe aus tiefer Verzweiflung den Freitod gewählt.[2]

Auch Fritz Tobias (* 1912, † 2011) verwarf im Jahr 1959/60 die Mordthese. Neuere Veröffentlichungen einer Historikergruppeum den Schweizer Historiker Walther Hofer (*1920, † 2013) stellten dies wieder in Frage, was 1986 in einer Veröffentlichung um den Politikwissenschaftler Uwe Backes (* 1960) wiederum bezweifelt wurde.

Die Historiker Alexander Bahar (* 1960) und der Psychologe Wilfried Kugel (* 1949) vertraten 2001 die Auffassung, dass es sich bei Oberfohrens Tod lediglich um einen als Suizid getarnten Mord gehandelt habe. Dabei stützen sie sich unter anderem auf die Memoiren des Gestapo-Chefs Rudolf Diels (* 1900, † 1957], wonach Oberfohrens Tod den Verdacht der Gestapo erweckt habe. Ermittlungen der Kieler Polizei hätten zur Festnahme eines auf eigene Faust handelte SA-Rollkommandos geführt.[3]
Auch wird der Verdacht geäußert, dass ein solches Rollkommando unter Führung Paul Röhrbein (* 1890, † 1934 im KZ Dachau) Oberfohren entweder erschossen oder zum Suizid gezwungen haben soll.[4]

Trotz des Inhalts der Diels-Memoiren spricht der amerikanische Historiker Carter Hett (* 1965) 2016 davon, dass Oberfohren in den Selbstmord getrieben worden sei. Der Mord, von dem das Braunbuch gesprochen habe, habe nicht stattgefunden. Dagegen hatte Oberfohren gegenüber einem Journalisten des Neuen Vorwärts schon im April 1933 von Möglichkeit eines Suizids gesprochen.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wikipedia: „Ernst Oberfohren“
  2. Peter Wulf: Ernst Oberfohren und die DNVP am Ende der Weimarer Republik. In: Erich Hoffmann und Peter Wulf [Hrsg.]: „Wir bauen das Reich.“ Aufstieg und erste Herrschaftsjahre des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein. Neumünster 1983,, S. 167 ff.
  3. Rudolf Diels: Lucifer ante portas: … es spricht der erste Chef der Gestapo. Deutsche Verlags Anstalt, Stuttgart 1950, S. 304
  4. Alexander Bahar und Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. edition q, Berlin 2001, S. 634–637
  5. Benjamin Carter Hett: Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens. Rowohlt, Reinbek (bei Hamburg) 2016, S. 211 u. 221