Heinrich Diederichsen, Howaldtswerke Aktiengesellschaft 1926-1937
Heinrich Diederichsen, Howaldtswerke Aktiengesellschaft
Howaldtswerke
Am 22. Juni 1889 fusionierten die Georg Howaldt, Kieler Schiffswerft und die Maschinenfabrik Gebrüder Howaldt zu einer gemeinsamen Aktiengesellschaft. Diese Gesellschaft wurde als Howaldtswerke ins Handelsregister eingetragen. Firmensitz war Dietrichsdorf an der Mündung der Schwentine. Bis zur Jahrhundertwende konnten die Howaldtswerke bereits 390 Neubauten abliefern. Trotz aller Schwierigkeiten erwirtschafteten die Howaldtswerke bis zum Geschäftsjahr 1903/04 positive Geschäftsergebnisse. Die Werft musste aber für den Bau größerer Neubauten dringend ausgebaut und modernisiert werden. Ab 1889 wurde daher, neben kleineren Investitionen an den Fertigungsstätten auch das Firmengelände vergrößert. So umfasste im Geschäftsjahr 1892/93 das Werftgelände schon bereits 4000m². Ab 1895 erwarben die Howaldtswerke noch weitere zusätzliche Grundstücke. So konnte ein, wegen veränderter Schiffsgrößen eine totalen Werfterweiterung realisiert werden. Letztlich reichte das Werftgelände an der Kieler Förde in Richtung Mönkeberg bis an das Munitionsdepot.**
Quelle: **125 Jahre Kieler Howaldt[[swerke, 1963 Hrsg. Kieler Howaldtswerke Aktiengesellschaft Kiel, Manuskript Hellmut Kleffel, Seite 14 – 37
Im März 1896 wurde zur Finanzierung der geplanten Werfterweiterung das Grundkapital von 2 Millionen Mark um 1 Million Mark erhöht. Es folgte 1898 eine weitere Erhöhung des Grundkapital auf 4 Millionen Mark und auch 1900 wurde eine Erhöhung des Grundkapitals auf 5 Millionen Mark vorgenommen.*
Quelle: * Ostersehlte, Christian Von Howaldt zu HDW. Hamburg : Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2004. S123 – S 131
Nach dem Werftausbau erhielt die Werft von der Kaiserlichen Marine verschiedene Aufträge, u.a. die Linienschiffe SMS Helgoland und SMS Kaiserin, die die getätigten finanziellen Investitionen rechtfertigten. Am 17. Mai 1900 verstarb Herrmann Howaldt. Georg Howaldt und sein 1870 geborener Sohn August Jacob Georg Howaldt übernehmen das Unternehmen. Am 10. Mai 1909 verstarb auch Georg Howaldt. Georg Howaldt jun. übernimmt zunächst die Leitung des Betriebes, scheidet aber dann auch schon 1910 aus dem Unternehmen aus.**
Quelle: **125 Jahre Kieler Howaldtswerke, 1963 Hrsg. Kieler Howaldtswerke Aktiengesellschaft Kiel, Manuskript Hellmut Kleffel, Seite 14 – 37
Ab dem Geschäftsjahr 1907/1908 konnte trotz steigender Auftragszahlen immer weniger Gewinn erwirtschaftet werden. Ab 1909 benötigten die Howaldtswerke dringend frisches Kapital. Eine Verbesserung der unsicheren wirtschaftlichen Lage der Howaldtswerke brachte am 19. Januar 1909 eine finanzielle Beteiligung der Firma Brown, Boveri & Co. AG, Mannheim an den Howaldtswerken. Brown, Boveri & Co. übernahmen insgesamt Vorzugsaktien im Wert von 3 Millionen Mark, das Grundkapital der Werft wuchs auf 8 Millionen Mark an. Auf Veranlassung des neuen Anteilseigners wird 1909 das Kapital der Aktiengesellschaft neu organisiert. Diese neue Strukturierung führte letztendlich dazu, dass die Familie Howaldt ihren Einfluss auf das Werftgeschehen verlor. Neben Fracht- und Tankschiffe lieferten die Howaldtswerke nach 1914 für die Kaiserliche Marine das Linienschiff SMS Bayern, die Kreuzer SMS Nürnberg", SMS Dresden und SMS Magdeburg ab. Die Krieg und Nachkriegszeit waren für die Howaldtswerke sehr schwierig. Trotz aller Probleme konnten aber größere Entlassungen vermieden werden. Zwischen 1921 und 1923 lieferte die Werft weiterhin Schiffe an deutsche Reedereien ab. Aber die laufende Geldentwertung und die Einführung der Rentenmark erschütterte auch die Kapitaldecke der Howaldtswerke. Die Beschäftigungslage auf der Werft erreichte einen Tiefpunkt. Der bisherige Mehrheitseigner Brown Boveri, beendete sein Engagement bei Howaldt und verkaufte 1924 seine Anteile an den seit 1923 in Hannover ansässigen Konzern Rombach-Spaeter, einem Unternehmen der Montanindustrie. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Howaldtswerke wurde der Geheime Kommerzienrat Wilhelm von Oswald. Die geschäftliche Entwicklung in den Jahren 1924/1929 sah für die Werft nicht positiv aus. Howaldt gelang es von der DAPG (Deutsch-Amerikanische Petroleum AG) einen Auftrag über die Lieferung von fünf Tankerneubauten (Bau Nr. 663/664 und Bau Nr. 673-675) zu erhalten. Dieser Auftrag für die DAPG verhinderte zwar die Stilllegung Werft, war aber nicht kostendeckend und führte zu erheblichen Verlusten. Der Rombach Konzern musste gegenüber der DAPG eine Erfüllungsgarantie übernehmen. Durch die Erfüllungsgarantie wies die Bilanz der Howaldtswerke Verluste in Höhe von 6 Millionen Mark aus. Diese Verluste gefährdeten auch den Konzern Rombach-Spaeter . Daher beschloss man am 15. September 1926 die Liquidation der Werft.*
Quelle: * Ostersehlte, Christian Von Howaldt zu HDW. Hamburg : Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2004. S269 – S 131
Liquidation
Mit der Entscheidung der Liquidation der Werft vom 15. September 1926 endete auch das Engagement des Rombach Konzerns an der Kieler Förde. Zunächst wurde die Howaldtswerke in Dietrichsdorfer Werft AG umbenannt. Weiterhin erhoffte der Konzern durch den Verkauf der Werft die eigenen Konzernverluste zu mindern.* Der aus Kiel stammende Konsul Heinrich Diederichsen (1865-1942) entschloss sich zu einer schrittweisen Übernahme der Howaldtswerke. Es sei anzumerken, dass seit Jahren sowohl persönliche als auch geschäftliche Beziehungen zwischen den Familien Howaldt und Diederichsen bestanden.* Als ersten Schritt der angestrebten Übernahme übernahm Konsul Diederichsen und ein von ihm geführtes Konsortium zunächst das Aktienkapital (200.000 RM) der Swentine-Dock-Gesellschaft, die ebenfalls zum Verkauf stand. Am 15. September 1926 beschloss die Generalversammlung der Gesellschaft den Ankauf der Howaldtswerke rückwirkend zum 1. September 1926. Der vereinbarte Kaufpreis betrug 1.750.000 RM. Der Kaufgegenstand beinhaltete die Werftanlagen mit sämtlichen Zubehör, den Grundbesitz und die Wohnhäuser. Das neue Unternehmen (Dock-Gesellschaft + Howaldtswerke) wurden als Howaldtswerke Aktiengesellschaft in das Handelsregister eingetragen. In den Vorstand der Howaldtswerke Aktiengesellschaft wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder Urlaub, Degn und Tradt berufen.* Während der notwendigen Konsolidierung des Unternehmens unterstützte die Stadt Kiel das neue Unternehmen mit Steuer- und auch Strompreisermäßigungen.*
Quellen: * Ostersehlte, Christian Von Howaldt zu HDW. Hamburg : Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2004. S269 – S 279 * 125 Jahre Kieler Howaldtswerke, 1963 Hrsg. Kieler Howaldtswerke Aktiengesellschaft Kiel, Manuskript Hellmut Kleffel, Seite 14 - 37 * MGKStG Band 48 1-2, 1957, Karl Radunz, Kieler Werften im Wandel der Zeit, Seite 171 – 187
Erweiterung in Richtung Hamburg
Trotz aller Bemühungen gelang es Konsul Diederichsen, der auch Aktionär der Hamburg-Süd war, nicht für die Howaldtswerke Aktiengesellschaft Neubau-. Umbau- oder Reparaturaufträge aus dem Hamburger Raum zu akquirieren. Konsul Diederichsen beabsichtigte daher das Reparaturgeschäft seiner Werft auf Hamburg auszudehnen. Die auf dem Tollerort in Hamburger Hafen ansässige Hamburger Schiffswerft & Maschinenfabrik (vormals Janssen & Schmilinsky) musste am 29. Dezember 1928 Konkurs anmelden. Die Übernahmeverhandlungen in Hamburg waren erfolgreich. Die Belegschaft wurde übernommen und vorhandene Aufträge erfüllt. Die Kieler Howaldtswerke Aktiengesellschaft konnte zum 1. Januar 1929 die Hamburger Schiffswerft & Maschinenfabrik (vormals Janssen & Schmilinsky) auf dem Tollerort übernehmen. Die Generalversammlung der Hamburger Werft genehmigte rückwirkend am 9. Februar 1929 die Ergebnisse der Verhandlungen (Kaufpreis 1 Million RM / Vergleichsquote mit den Gläubigern 33,33%). Die Hamburger Werft nahm den Betrieb wieder auf und wurde zunächst als Howaldtswerke A.G. Kiel, Abteilung vormals Janssen & Schmilinsky. Der Betrieb beschäftigte etwa 500 Mitarbeiter und mit umfangreichen Werkstätten und zwei Schwimmdocks für den Reparaturbetrieb gut ausgestattet. Die neuen Hamburger Aktivitäten hatten zur Folge, dass die Generalversammlung der Howaldtswerke am 11. März 1929 das Aktienkapital auf 2 Millionen RM erhöhte.*
Quellen: * Ostersehlte, Christian Von Howaldt zu HDW. Hamburg : Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2004. S 269 – S 279 *DSA 32 2009 Peters, Dirk J., S. 173-222, Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 2 1924-1934
Der weiter anhaltenden Schiffbaukrise sollte durch eine Reduzierung der im Reich existierenden Schiffbaukapazitäten begegnet werden. Daher gründete man 1926 in Bremen unter Führung des Bremer Bankiers Schröder die Deutsche Schiff- und Maschinenbau A.G. (Deschimag). Zur Deschimag gehörten die Werften AG Weser, Tecklenborg A.G. und der Hamburger Vulcan. Die Deschimag kaufte Werften, um sie dann zu verschrotten. Dieses Vorgehen wurde bereits bei Tecklenborg in Wesermünde und beim Stettiner Vulcan praktiziert. Mit dem Bau der Bremen für den NDL geriet die Deschimag nun aber in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Zum Ausgleich der erlittenen Verluste sollte der Hamburger Vulcan verkauft werden. Daraufhin erwarb Konsul Diederichsen im Juli 1929 den für Großschiffbau konzipierten Zweigbetrieb des Hamburger Vulcans auf der Elbinsel Ross von der Deschimag. Die von Diederichsen durchgeführte Betriebsübernahme erlaubte es ab dem 1. Januar 1930 Schiffsneubau und Schiffsreparatur weiterhin auf dem ehemaligen Vulcan Betriebsgelände als Howaldtswerke A. G., Kiel, Abteilung vorm. Vulcan abzuwickeln. Zum 1. Januar 1931 fusionierten die Howaldtswerke A.G. Kiel, Abteilung vormals Janssen & Schmilinsky und die Howaldtswerke A. G., Kiel, Abteilung vorm. Vulcan zur Howaldtswerke Aktiengesellschaft Kiel und Hamburg mit Sitz in Kiel. Nach der Betriebszusammenführung der auf Steinwerder befindliche Betrieb Howaldtswerke A.G. Kiel, Abteilung vormals Janssen & Schmilinsky zum 31. Oktober 1931 geschlossen. Das gepachtete Werftgelände am Tollerort übernahm der Hamburger Staat. Die Belegschaft wurde überwiegend von den Howaldtswerken Hamburg übernommen. Da es im Kieler Werk einen eigenständigen Maschinebau gab, wurde in Hamburg keine entsprechenden Werkstätten eingerichtet. Zum Direktor und Leiter des Werftbetriebs wurde Marinebaurat a.D. Hermann Paech berufen.*
Quellen: * Ostersehlte, Christian Schiffbau in Kiel, Kleine Werftengeschichte, SVGKStG Band 74. Husum 2014, S 45 – S 49 * Bock, Bruno. Gebaut bei HDW 150 Jahre Howaldtswerke Deutsche Werft AG. Köhler, 1988, S 159 * DSA 32 2009 Peters, Dirk J., S. 173-222, Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 2 1924-1934
Das Ende der Ära Diederichsen
Auch nach der Übernahme der Werften in Kiel und Hamburg sahen die wirtschaftlichen Aussichten im Schiffbau nicht rosig aus. Die 1929 beginnende Weltwirtschaftskriese brachten auch die Howaldtswerke Aktiengesellschaft Kiel und Hamburg in finanzielle Schwierigkeiten. Man schrieb weiter rote Zahlen. Es sei hier Anzumerken das bereits in der Zeit der Weltwirtschaftskrise Aufträge aus der UdSSR eine gewisse minimale Grundlast der Fertigungskapazitäten garantieren konnten. Auch nach der Machtübernahme 1933 arbeiteten die Werftbetriebe in Kiel und Hamburg nicht kostendeckend. Erst ab 1936 konnte man dann wieder Auftragseingänge von deutschen und ausländischen Reedern verbuchen. Auch machte sich die beginnende Aufrüstung nach 1935 langsam bemerkbar. Die lange Strecke der defizitären Ergebnisse schien sich ab 1937 beendet. Konsul Heinrich Diederichsen verkaufte im März Anteile an der Howaldtswerke Aktiengesellschaft Kiel und Hamburg an die im Besitz des Deutschen Reiches befindliche Deutsch Werke Kiel A.G. Mit der beginnenden Aufrüstung wurde in Kiel auch die Deutsche Werke Kiel A.G. für den Schiffbau an der Förde immer wichtiger. Mit der Übernahme gingen die Betriebe in Kiel und in Hamburg in den Besitz des Deutschen Reiches über.*
Quelle: * Ostersehlte, Christian Von Howaldt zu HDW. Hamburg : Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2004. S 326 – S 327 * DSA 40 2017 Peters, Dirk J., S. 143-248, Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 3 1935-1939
Nach der Übernahme wurde im Kieler Werk in die Infrastruktur investiert. U.a. wurden ein Kraftwerk und im Jahr 1938 ein neues Verwaltungsgebäude errichtet. Der Kieler Arsenal Betrieb und das Kieler Werk der Howaldtswerke am 1. April 1939 zur Kriegsmarinewerft verschmolzen. Der Personal bestand betrug jetzt über 13.000 Mitarbeiter. Die Verschmelzung zur Kriegsmarinewerft hatte zur Folge, dass 1939 der Firmensitz der Howaldtswerke nach Hamburg verlegt wurde und die Howaldtswerke in Hamburg eigenständig wurden. Die Hauptverwaltung, das Konstruktionsbüro und Teile der Kieler Fertigungsbetriebe wurden ebenfalls nach Hamburg verlegt. Motoren und Maschinenbau wurden bisher lediglich in Kiel betrieben. Um in Hamburg den Maschinenbau auch betreiben zu können wurden sechs Fabrikhallen zwischen 1938 und 1942 von der Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg (MAN) für den Bau von Dieselmotoren für die Uboot Produktion eingerichtet. 1943 kam es zwischen der Kriegsmarine und den Howaldtswerken in Kiel wieder zu einer Trennung. Damit konnten die Werke in Kiel und Hamburg wieder vereint werden. Der Firmensitz blieb auch nach 1943 Hamburg.
Heinrich und Thea Diederichsen / Diederichsenpark
Seit Anfang des 18. Jahrhunderts lebte die Familie Diederichsen in Kiel. Heinrich Diederichsen (1. Juli 1865 – 20. April 1942) war der Sohn des Kaufmanns Heinrich Diederichsen (1813–1899). Heinrich Diederichsen besuchte die Kieler Gelehrtenschule und schloss 1884 in Hamburg eine kaufmännische Ausbildung ab. Es folgte der einjährige Militärdienst im Infanterie-Regiment Herzog von Holstein. Im Jahre 1888 heiratete Diederichsen seine Frau Dorothea (Thea) geb. Lehmann (1867 - 1941. Die Ehe blieb kinderlos. Im selben Jahr übernahm er die Firma H. Diederichsen zu Kiel, die sein Vater 1837 gegründet hatte. Mit dem Tod 1941 von Thea und 1942 von Heinrich Diederichsen ging eine besondere Epoche der kulturellen und wirtschaftlichen Geschichte der Stadt Kiel zu Ende. Ehrungen
Von der Kieler Universität Kiel wurden Konsul Heinrich Diederichsen zwei Ehrendoktor-Würden verliehen.
1918
Dr. rer. pol. honoris causa für die Förderung des Instituts für Weltwirtschaft Konsul Heinrich Diederichsen war 25 Jahre lang ein enger Vertrauter von Bernhard Harms. Er gehörte seit Gründung des Instituts zu seinen Förderern und war seit dem Gründungsakt der Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft im Dezember 1913 bis 1934 ihr Präsident. 1934 zog sich Diederichsen aus Protest gegen den erzwungenen Rücktritt von Bernhard Harms und Max Warburg ebenfalls aus der Gesellschaft zurück.
1930
Dr. med. h. c., Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät 1907 rief Diederichsen die Thea-Diederichsen-Stiftung ins Leben. Aus der chirurgisch-orthopädischen Kinderklinik entwickelte sich eine bedeutende Forschungs- und Lehreinrichtung der Universität Kiel. Das vou Diederichsen gesponserte Kinderkrankenhaus im Schwanenweg ebnete ihm zudem den Zugang zur medizinischen Fakultät der Kieler Universität und kam so in Kontakt mit den Professoren Anschütz und Schittenhelm.
Parkanlage und die Villa Haus Forsteck
Der heutige Diederichsenpark liegt zur Förde abfallend zwischen Bismarckallee, Niemannsweg und Parkstraße. Ursprünglich wurde auf dieser Fläche des hügeligen Moränenlandes eine in den 1780er Jahren vom Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld (6.2.1742 – 20.2.1792) angelegte Obstbaumschule betrieben. Im Jahre 1865 erwarb der Hamburger Kaufmann Heinrich Adolph Meyer (11. September 1822 – 1. Mai 1889) das Gelände und ließ zunächst einen Park anlegen. Im Jahre 1866 wurde im Auftrag von H. A. Meyer und seiner Ehefrau Marie dann auf dem Grundstück die Villa Haus Forsteck erbaut. Das Ehepaar Meyer ließ die viergeschossige Villa mit hohen Fenstern und einem überstehenden Schweizer Dach erbauen. Die Eheleute Meyer waren Anhänger der 1848er Demokratiebewegung. Sie machten durch ihre Gastfreundschaft das Haus Forsteck zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt an der Kieler Förde. Berühmte Persönlichkeiten wie Klaus Groth, Theodor Fontane, Julius Stockhausen, Karl August Möbius, Carl Schurz, Johannes Brahms und Clara Schumann hielten sich im Haus Forsteck auf. Aufgrund familiärer Bindungen hielt sich auch der Schwager von H.A. Meyer, der Bundessenator und ehemalige US-Innenminister Carl Schurz, im Hause Forsteck auf.
Anmerkung: Heinrich Adolph Meyer (11. September 1822 - 1. Mai 1889) war ein erfolgreicher Fabrikant, Meereskundler und Politiker. Neben seiner Tätigkeit als Unternehmer war Heinrich Adolph Meyer auch politisch engagiert. Er gehörte 1848/49 der Verfassunggebenden Versammlung für Hamburg an. Bei den Reichstagswahlen 1877 / 1878 wurde er für den Wahlkreis Schleswig – Eckernförde zum Abgeordneten des Reichstages gewählt, dem er bis 1881 angehörte.
Grundsätzlich galt sein Interesse aber der Meeresforschung. Zusammen mit Karl August Möbius schrieb er bemerkenswerte Bücher über den Tierbestand der Kieler Bucht sowie über Schnecken und Muscheln der Ostsee. 1866 erhielt er für seine Verdienste um die Meeresforschung von der Kieler Universität den akademischen Grad eines Dr. phil. h. c. verliehen. Im gleichen Jahr wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.*
Quelle: *Wikipedia: Heinrich Adolph Meyer
Das von Heinrich Adolph Meyer 1863 erworbene Grundstück an der Kieler Förde war naturbelassen. Auf dem Gelände befanden sich viele größere Bäume, meist Eichen und Buchen. In Anlehnung an die Grundstücke an der Elbchaussee in Hamburg ließ Meyer sein Grundstück zu einer englischen Parklandschaft umgestalten. Die Zufahrt vom Niemannsweg zur Villa Haus Forsteck befand sich zwischen Bismarckallee und Parkstraße. Zwei Pfeiler mit niedrigen Umfassungsmauern säumten sie. Ein abgesenkter relativ breiter Weg führte zunächst geradeaus und dann im leichten Bogen nach links zum Haus und endete davor in einem Rondell mit dicht am Haus aufgestellten Sitzgruppe. Das Portal war zu Heinrich Adolpf Meyers Zeit bis ins zweite Geschoss eng bewachsen. Rechts davon lag ein je nach Jahreszeit bepflanztes großes Blumenbeet. Rechts führte ein Weg an dem Haus vorbei auf dem man entweder an die Hinterfront des Gebäudes und zur Terrasse oder aber weiter geradeaus auch in Richtung Förde gelangen konnte. Zeitweise zog sich ein hohes Gebüsch um das Haus, später verschwand es. Links hinter dem Eingang und parallel zum Niemannsweg verlief hier Parkweg, an dessen Rand fünf Stelen mit Köpfen griechischer Berühmtheiten aufgestellt waren, zu denen Homer und Sokrates gehörten. 1893 kaufte Heinrich Diederichsen (1865-1942) die Parkanlage und die Villa Haus Forsteck. Die Villa sollte zunächst der gesamten Familie Diedrichsen als Sommersitz dienen. Es ist zu vermuten, dass Heinrich Diederichscn die von Meyer geschaffenen Grundstrukturen der Parkanlage mit ihrem Wegenetz unverändert übernommen hat. Meyer hatte die Villa noch vor seinem Tod die Villa im Stil der Neorenaissance äußerlich umgestalten. Ab 1905, nach behördlicher Genehmigung, ließ Diederichsen dann durch den Kieler Architekt und Maurermeister Carl Imlloff die Villa Haus Forsteck umbauen. Zu diesen Umbauten gehörten u. a. die Vergrößerung der Terrasse und der Anbau eines Treibhauses an den Wintergarten. Die Villa Haus Forsteck wandelte sich durch die durchgeführten Umbaumaßnahmen von einer französisch geprägten Villa in ein vornehmes Landhaus im Stil des aufkommenden Neubarocks. Der bereits erwähnte Parkweg führte dann weiter parallel zur Bismarckallee, die man durch ein verschließbares Tor mit Personeneingang und Zufahrt für Fahrzeuge von hier aus erreichen konnte. Links an diesem Parkweg war in einer Baumlichtung ein Tennisplatz angelegt worden, an den eine Fischerhütte grenzte. Hinter der Hütte schloss sich ein waldähnlicher, von Wegen durchzogener Parkabschnitt an. Parallel zum Parkweg an der Bismarckallee verlief ein, noch heute vorhandener, breiter Parkweg geradeaus in Richtung Förde begeben, wobei sich das Gelände allmählich absenkte . An seinem Ende konnte man von einer Terrasse mit Sitzgruppe auf das langgestreckte Parkgelände bis zur Villa Haus Forsteck hinaufschauen. Rechts von der Terrasse und auf einem erhöhten, gegen die Steilküste durch ein Gittergeschützten Terrain lag ein Holzhäuschen mit Blick auf das Wasser. Dort nahm Diederichsen nachmittags gern den Kaffee ein. Die Diederichsen pflegten weiterhin eine Tradition in der Villa Haus Forsteck, die die Familie Meyer als Vorbesitzer der Villa eingeführt hatten, obwohl das Interessengebiet des Personenkreises in wilhelminischer und Weimarer Zeit weniger kulturell ausgerichtet war.
Quelle: *MGKStG Band 82-3, 2005, Kai Detlev Sievers, Heinrich und Thea Diederichsen und der Diederichsenpark, S 134 – 147
Nach Thea und Heinrich Diederichsen Tod veräußerten deren Erben die Parkanlage und die Villa Haus Forsteck am Niemannsweg für 2,5 Millionen Reichsmark an die Stadt Kiel, da die Villa als Gästehaus nutzten wollte. Noch vor Abschluss der Übernahmeverhandlungen kam es zu einer heftigen Kontroverse zwischen Stadt und Kriegsmarine. Nach der Übernahme kam es zu einer Beschlagnahmung der Villa Haus Forsteck durch die Marine aus militärischen Gründen. Daher war es möglich das in den Räumen der Villa Haus Forsteck der deutsche U-Boot Kommandant Oberleutnant z. S Oskar Kusch wegen Wehrkraftzersetzung am 26. Januar 1944 zum Tode verurteilt wurde*.
Quelle: *MGKStG Band 82-3, 2005, Kai Detlev Sievers, Heinrich und Thea Diederichsen und der Diederichsenpark, S 134 – 147 * SVGKStG Band 79, 2016, Kai Detlev Sievers, Niemannsweg, S. 16
Am 26. August 1944 wurde die Villa Haus Forsteck durch Brandbomben zerstört.
Diederichsenpark
Den Bemühungen des langjährigen Vertrauten von Heinrich Diederichsen, Dr. Kai Dwenger (1888 – 1976) ist es zu verdanken, dass die Stadt Kiel sich entschloss aus dem ehemaligen Anwesen von Thea und Heinrich Diederichsen eine öffentliche Einrichtung herzurichten und sie auch nach Heinrich Diederichsen benannte.
Zitat: Nach umfassender Neugestaltung wurde der Diederichsenpark 1958 der Öffentlichkeit übergeben. Am Eingang des Parks am Niemannsweg befindet sich ein großer Findling mit folgender Inschrift:
"Diederichsenpark 1958 angelegt aus Mitteln einer Spende der Howaldts-Werke".
Auf diesem Wege haben sich die Werftarbeiter für die mutige Entscheidung des Jahres 1926 von Heinrich Diederichsen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindliche Werft vor dem Zusammenbruch zu retten, bedankt. Der südöstliche Hauptbereich von locker mit Bäumen bestandener Rasenfläche mit Wegenetz bestimmt, der nordwestliche Bereich zur Parkstraße laubwaldartig. Nordöstlich davon in unmittelbarer Nähe ein translozierter Gedenk- bzw. Grabstein für Thea Diederichsen, liegende Granittafel auf Sockel mit Namen und Lebensdaten. Zentral im Park L-förmiger Mauer Zug der zerstörten Villa Forsteck, davor Gedenkstein in Form eines Findlings, der an das Haus erinnert. Zur Förde orientiert bastionsartige, runde Aussichtsterrasse, von der eine zweiläufige Treppe zur Kiellinie hinunterführt. An der Terrasse Gedenktafel für Heinrich Diederichsen.
** Zitat: Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein, Denkmal-Bezeichnung: Diederichsenpark Stadt Kiel, Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein, Diederichsenpark, Park, 11867 24105 Kiel, Düsternbrook, Niemannsweg
Literaturverzeichnis
Bock, B. (1988). Gebaut bei HDW 150 Jahre Howaldtswerke Deutsche Werft AG. Herford: Köhler. Brustat-Naval, F. (1973). zwischen Ostsee und Ostasien, Aus der Kieler Schifffahrtsgeschichte, Die Förde Schifffahrt: Zwischen Ost- und Westufer, S. 66 ff. (H. J. MKStG 60, Hrsg.) Herford: Köhlers Verlagsgesellschaft mbH. Held, D. H. (1938). 100 Jahre Howaldt. Kiel: Howaldtswerke AG Kiel. Kleffel, H. (1963). 125 Jahre Kieler Howaldtswerke. Kiel: Kieler Howaldtswerke AG. Meyer, H. H. (2013). Die Schiffe von Howaldt und HDW Band 1, Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums Band 71. Bremerhaven u. Wiefelstede: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Oceanum Verlag e.K. Ostersehlte, C. (2003). Das 100. Schiff - Ein Werftjubiläum von 1883 (Georg Howaldt). Bremerhaven: Deutsches Schifffahrtsarchiv Nr. 26, S. 193-216. Ostersehlte, C. (2004). Von Howaldt zu HDW. Hamburg: Koehlers Verlagsgesellschaft mbH. Ostersehlte, C. (2014). Schiffbau in Kiel. Kleine Werftengeschichte, von den Anfängen bis zur Gegenwart. (Bd. SVGKStG Band 74). (J. Jensen, Hrsg.) Husum: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co. KG. Peters, D. J. (2009). Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 2 1924-1934. Bremerhaven: DSA 32 S. 173-222. Peters, D. J. (2017). Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 3 1935-1939/1945. Bremerhaven: DSA 40 S. 143-248. Petersen, S. (2016). Arbeiterbewegung Kommune und Howaldtswerke. Berlin: Pro Business GmbH. Radunz, K. (1957). Kieler Werften im Wandel der Zeiten. Kiel: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 1957 Heft 1/2 Seite 171 / 187. Rohweder, J. (2013). Beständiger Wandel. Hamburg: Koehlers Verlagsgesellschaft.
Weitere Quellen im Text erwähnt.
