Kiel 1865 bis 1919, das Ostufer, vom Dorf zur Arbeitersiedlung

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Das Ostufer, vom Dorf zur Arbeitersiedlung, die Wandlung des Ostufers zwischen 1865 und 1919

Ausgangslage

Am 24. März 1865 fiel die königlich-preußische Entscheidung, die preußische Marinestation von Danzig nach Kiel zu verlegen. 1866, nach dem preußischen Sieg im Krieg gegen Österreich wurde am 24. Januar 1867 Schleswig – Holstein ein Teil Preußens.*

Von einer Marinestation wurde die Sicherstellung sowohl der logistische Unterstützung als auch die technische Unterstützung der im Hafen stationierten Einheiten erwartet. Daher erließ der König von Preußen am 23. Mai 1867 die Kabinettsordre am Strand von Ellerbek ein Marineetablissement (später Kaiserliche Werft) zu errichten. Erst im Jahre 1878 konnte die erste Ausbaustufe der Werft abgeschlossen werden. Die intensive, maritime Aufrüstung unter Kaiser Wilhelm II. machte einen Werftausbau nach Norden bis an die Schwentine und nach Süden bis nach Gaarden notwendig.*

Zwei weitere moderne Werften haben sich im gleichen Zeitraum südlich und nördlich der Kaiserlichen Werft auf dem Ostufer angesiedelt. Im Süden in Gaarden, an der Hörn lag die 1865 als Norddeutsche Werft gegründete Germaniawerft. Im Norden an der Schwentinemündung in Dietrichsdorf hatte sich 1876 die Howaldtswerke angesiedelt.*

Diese drei Werften hatten fast den gesamten Küstenstreifen auf dem Ostufer zwischen Hörn und nördlicher Schwentine eingenommen. Die drei Werften waren zwischen 1914 und 1918 Arbeitgeber für mehr als 33.000 Arbeiter und Angestellte.*

Quelle:

* Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 23. Mai 1867 | Errichtung einer Marinewerft in Ellerbek und des Erscheinungsdatums 23. May 2007

Kiel auf dem Weg zur Großstadt*

1845 war Kiel noch eine kleine, verträumte Stadt mit rund 13.500 Einwohnern. Nach 1865 änderte sich dieses aber sehr schnell. Die von der preußischen Verwaltung zwischen 1865 und 1867 getroffenen Entscheidungen und die daraus resultierende Entwicklung der Bevölkerungszahlen bis zum Beginn des ersten Weltkrieges weisen auf drei Wachstumsschübe in der Stadtentwicklung hin:

1865 - 1871 Verlegung der Marinestation nach Kiel, Ansiedlung moderner Werften auf dem Ostufer
1885 - 1895 Unter Kaiser Wilhelm II. (1888 – 1900) wuchs die Bedeutung der Kaiserliche Marine. Dadurch wurde auch mehr Marinepersonal in Kiel stationiert. Der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals (Fertigstellung 1895) ermöglichte eine schnelle Verlegung der Seestreitkräfte zwischen Nordsee und Ostsee
1898 - 1900 Weitere Aufrüstung der Kaiserlichen Marine entsprechend den Flottengesetzen von 1898 und 1900 sowie der damit verbundenen Erweiterung der Werften auf dem Ostufer

Durch die, auch noch nach 1900 weiterhin betriebene Aufrüstung der Kaiserlichen Marine, stieg gleichzeitig aber auch die Zahl der Werftarbeiter und der in Kiel stationierten Marinesoldaten weiter an.

Bevölkerungsentwicklung der Stadt Kiel:

1867 24.216 Einwohner
1885 51.706 Einwohner
1900 107.977 Einwohner, Kiel wurde Großstadt
1910 211.000 Einwohner
1914 225.161 Einwohner

Der letzte Schub in der Bevölkerungsentwicklung setzte durch die zwischen 1901 und 1910 von der Stadt Kiel vollzogenen Eingemeindungen ein. Nach Brunswik (1869) und Wik (1893) waren es auf dem Ostufer der Förde 1901 die Gemeinde Gaarden-Ost und 1910 die Gemeinden Gaarden-Süd, Ellerbek und Wellingdorf die in die Stadt Kiel eingemeindet wurden.

Quelle:

* Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 23. Mai 1867 | Errichtung einer Marinewerft in Ellerbek und des Erscheinungsdatums 23. May 2007

Eingemeindung, neue Stadtteile auf dem Ostufer

Die Siedlungen am östlichen Ufer der Kieler Förde wurden mit der Ansiedlung und dem folgenden Ausbau der neuen Werften auf dem Ostufer grundlegend verändert. Die ehemaligen Fischersiedlungen und Bauerndörfer mussten entsprechendes Bauland für dringend benötigte Wohnungen zur Verfügung stellen. Mit den neuen Arbeitersiedlungen und der damit verbundenen Ansiedlung von Handel und Handwerk nahmen die Gemeinden auf dem Ostufer städtischen Charakter an. Die enge, wirtschaftliche Verbindung mit der Stadt Kiel und die Anbindung an das städtische Verkehrsnetz, führten letztendlich zum Verlust der Kommunalen Selbstverwaltung. Schon 1901 wurde daher die Gemeinde Gaarden-Ost nach Kiel eingemeindet und bereits 1910 folgten dann die Gemeinden Gaarden-Süd, Ellerbek und Wellingdorf. Lediglich die Gemeinde Neumühlen-Dietrichsdorf mit der Siedlung Oppendorf blieben noch bis zum 30. April 1924 eigenständig. Am 1. Mai 1924 wurde Neumühlen-Dietrichsdorf aber ebenfalls ein Stadtteil der Landeshauptstadt Kiel.

Neumühlen**

Die Ortschaft Neumühlen lag am Ufer der Schwentine dort wo der Mühlendamm nicht nur eine Verbindung zwischen Südufer (Wellingdorf) und Nordufer (Neumühlen) ermöglichte, sondern auch für ausreichende Wassermengen für den Betrieb der Mühlen sorgte. Gleichzeitig war der Mühlendamm das Tor in die Probstei. Neumühlen wurde erstmalig 1224 (Zwentinemunde) erwähnt, ab 1470 bürgerte sich dann die Bezeichnung Neue Mühle oder Neumühlen ein. Die neue Mühle am südlichen Schwentineufer war eine Wassermühle und die Stadt Kiel und die umliegenden Dörfer waren hier mahlpflichtig. 1540 ging die Kornwassermühle in landesherrlichen Besitz über. Am nördlichen Schwentineufer befand sich seit 1772 eine Ölmühle.

Die Gebrüder Johannes und Ferdinand Lange errichteten nach 1863 am nördlichen und südlichen Ufer der Schwentine in Neumühlen eine Industriemühle. Zunächst wurden die alten Mühlengebäude 1864 abgerissen. Diese wurden dann durch einen modernen Backsteinbau, der auf einem Sockel mit Segmentbogengewölben ruhte, durch die Teile des Wassers der Schwentine geleitet wurden, die damit im Erdgeschoss eingebauten Wasserturbinen antrieben, ersetzt. Mit dieser Industriemühle, die zu den größten und modernsten im Reich gehörte, begann nun auch in Neumühlen die Industrialisierung. Lebten in Neumühlen im Jahre 1863 lediglich 400 Einwohner, so stieg diese Zahl durch die einsetzende Industrieansiedlung bereits 1871 auf rund 589.

Die Langesche Mühle brannte bereits 1874 ab. Die Ruine wurde in erweitertem Umfang und veränderter Form (achtgeschossige Neubau, rotes Backsteinmauerwerk) wieder aufgebaut und nahm 1881 als Baltische Mühle den Betrieb wieder auf.

Die für den Mühlenbetrieb dringend benötigten Arbeitskräfte versuchten die Gebrüder Lange mit eigenen Werkswohnungen an das Unternehmen zu binden. In Dietrichsdorf erwarben die Gebrüder Lange die Hollenwegskoppel vom Zimmermeister Stoltenberg. Auf dieser Koppel legte man zunächst eine Stichstraße (Mühlenstraße, heute Steinkamp) neu an. Links und rechts der Straße wurden anfangs sieben Doppelhäuser für je zwei Familien errichtet. Jede Wohnung verfügte über einen Schuppen mit Schweinestall und ein Stück Gartenland für die Selbstversorgung. Weitere Häuser (13 Stück, für je vier Familien) kamen zeitnah hinzu. Die erste Arbeitersiedlung (Arbeiterkolonie) auf dem Ostufer entstand in Dietrichsdorf.

Dietrichsdorf**

Das Nachbardorf Dietrichsdorf lag abseits der Verkehrswege oberhalb der Ortschaft Neumühlen auf einem Plateau um den heutigen Ivensring und dem Langen Rehm herum. Die Siedlung wurde 1420 als Diderichstorppe = Dorf des Dietrich erstmals genannt. Die Verbindung zwischen Neumühlen und Dietrichsdorf erfolgte über den Heikendorfer Weg oder den noch steileren Hohlen Weg und war mühevoll. In Dietrichsdorf lebten um 1871 rund 337 Einwohner.

In Dietrichsdorf prägten die Bauern der Familie Ivens das bäuerliche Leben. Ab 1870 war es aber dann mit der bäuerlichen Beschaulichkeit auch in Dietrichsdorf vorbei. Der Staat erwarb nach Gründung der Kaiserlichen Werft in Ellerbek ein direkt an der Förde gelegenes rund 32 Hektar großes Grundstück zwischen dem Salzredder und der Gemeindegrenze nach Mönkeberg. Auf diesem Grundstück entstand, das Marine Artillerie Depot, das durch eine Backsteinmauer vom restlichen Gemeindegebiet eingefasst war.

Ein weiterer Strukturwandel in der Gemeinde erfolgte am 1. Oktober 1876, Georg Howaldt übernahm am Nordufer der Schwentine die kleine Werft des Schiffbaumeisters Rudolf Reuters, um in Dietrichsdorf seinen in Ellerbek begonnenen Eisenschiffbau fortzusetzen. Auf dem rund 440qm großen Grundstück standen für den Schiffbau lediglich eine Helling und eine Halle zur Verfügung. Anfangs waren lediglich 75 Mitarbeiter auf der Werft beschäftigt. Bereits im August 1883 lief mit der Bau Nummer 100 der Frachtdampfer Emma für die Reederei Sartori & Berger vom Stapel. Mittlerweile beschäftigte die Werft an der Schwentine rund 1200 Mitarbeiter und das Werftgelände umfasste rund 6.600qm. Zwischen 1880 und 1884 wurde die in Kiel ansässige Maschinenfabrik Gebrüder Howaldt auf das erweiterte Werftgelände verlegt. Dazu wurde u. a. der Eekberg, ein Hügel am Schwentineufer, abgetragen. Eine ab 1884 einsetzende Flaute im Schiffbau ließ dann bis 1886 die Zahl der Mitarbeiter auf 200 schrumpfen.

Auch Howaldt versuchte seine Mitarbeiter an die Werft zu binden. Auf dem Grundstücken vor seiner Werft ließ er zunächst nach 1884 eine Arbeiterkolonie mit ungefähr 20 Häuser nach Plänen des Architekten Heinrich Moldenschardt mit zwei bis vier Wohnungen, Stallgebäuden und Gartenland errichten.***

Quelle:

*** Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof, 1992, Kiel im Industriezeitalter, S.17

Um 1894 umfasste die von Howaldt angelegte Arbeiterkolonie bereits 120 Wohneinheiten. Bedingt durch die ständige Erweiterung der Arbeitersiedlung siedelten sich auch Geschäfte und Handwerksbetriebe vor dem Werftgelände an. Der Heikendorfer Weg entwickelte sich zu einer „Einkaufsstraße“. In kurzer Zeit entwickelte sich ein neuer Ortsteil „Neu Dietrichsdorf“. Bis 1895 wuchs die Einwohnerzahl in Dietrichsdorf auf 2.929 an. In Neumühlen stieg die Einwohnerzahl lediglich auf 868. Die bisher dominante landwirtschaftlich ausgerichtete Bevölkerungsstruktur wurde von der dem Schiffbau zugewandten Arbeiterschaft abgelöst.

Ein sich 1896/1897 bereits abzeichnende längere Aufschwung im Schiffbau führte erneut zu einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften und entsprechenden Wohnraum. Der Grundbesitz in „Neu Dietrichsdorf“ war bereits bebaut oder verplant. Weiterhin wollten im alten Dorfkern am Ivensring die ansässigen Bewohner keine Proletten dulden. Die Gebrüder Howaldt erwarben für 30.000 Mark eine 72ha großes Baugebiet, den Elbenkamp für eine weitere Arbeitersiedlung.

Anmerkungen:

Arbeiter-Bau-Verein für Dietrichsdorf und Umgebung

Die Gebrüder Howaldt luden zum 2. Juli 1898 in den Dietrichsdorfer Hof zur Gründungsversammlung eines Arbeiter-Bau-Vereins ein. An der Versammlung nahmen vorwiegend Beschäftigte der Werft und des Artilleriedepots teil. 80 Teilnehmer traten während der Gründungsversammlung dem neuen Arbeiter-Bau-Verein für Dietrichsdorf und Umgebung sofort bei. Mit einer günstigen Miete konnten die Genossenschaftsmitglieder nach 10 Jahren eine Eigentumsübertragung erreichen. Bereits 1899 wurden die ersten großen Doppelhäuser unter den Bewerbern verlost. Es entstand eine neue Siedlung und die Straßen wurden nach Vornamen der Gebrüder Howaldt Georg-, Herrmann- und Bernhardstraße benannt. Eine weitere Straße, die Helenenstraße wurde nach der Frau von Georg Howaldt benannt.

Das Finanzierungsmodell hatte eine rege Bautätigkeit zur Folge und die Grundstücke an der Herrmannstraße waren im Jahre 1900 alle bebaut. Ab 1901/1902 erfolgte die Bebauung der Georgstraße. Nach 1902 lebten bereits rund 100 Familien in der neuen Siedlung. Zwischen 1902/1903 bebaute man dann auch die Bernhardstraße.

Aufgrund von Bauauflagen (einstöckige Gebäude, feuerfeste Bedachung) konnten im Elbenkamp nur beschränkt Dienstwohnungen für die Mitarbeiter des Marine Artillerie Depots errichtet werden. Im Jahre 1903 gewährte der Staat einen Kredit für den weiteren Ausbau am Elbenkamp. Zunächst wurden 6 Wohnungen mit Garten für Depotmitarbeiter errichtet. Der Wasser – und Stromanschluss der neuen Wohnungen erfolgte aber erst 1905 (Wasser) und 1909 (Strom).

Die Entwicklung der Gemeinde Dietrichsdorf nach 1898

Durch die positive Entwicklung der Howaldtswerke und dem Artillerie-Depot entwickelte sich Dietrichsdorf zu einem aufstrebenden, industriel geprägten Vorort. Der bisherige ehrenamtliche Gemeindevorsteher Johann Gabriel Ivens legte am 31. März 1899 sein Amt nieder. Wegen der eingangs erwähnten Entwicklung beschloss die Gemeindevertretung, dass die Stelle des Gemeindevorstehers zukünftig hauptberuflich ausgeübt werden sollte.

Zum 1. April 1899 übernahm der erste besoldete Gemeindevorsteher in Dietrichsdorf die Dienstgeschäfte. Aber bereits zum 1. April 1901 legte Dr. Moritz seine Amtsgeschäfte nieder. Die Nachfolge trat der Gemeindevorsteher Schoepe am 2. Oktober 1901 an. Mit dem Wechsel vom ehrenamtlichen (bis 1899) zum besoldeten Gemeindevorsteher (ab 1899) veränderte sich auch der bis dahin noch existente bäuerliche und dörfliche Charakter von Dietrichsdorf. In Neu-Dietrichsdorf wurde die Bautätigkeit fortgesetzt. Durch den Bau von neuen Häusern (3 Stockwerke/6 Wohnungen) konnten rund 50 Familien angesiedelt werden.

Weiterhin muss erwähnt werden, dass die Gemeinden Neumühlen und Dietrichsdorf seit Ende der 1890er Jahre mit Gas von der Gaardener Gasanstalt versorgt wurden. Einen weiteren Schritt in die Zukunft wagte die Gemeinde Dietrichsdorf im Jahre 1903 mit dem Ausbau eines eigenen Wassernetzes. Als dann das von Bernhard Howaldt an der Schwentine erbaute Wasserkraftwerk seinen Betrieb aufnahm, wurde auch Dietrichsdorf ab 1908/1909 von dort mit Strom versorgt.

Der Anschluss von Neu-Dietrichsdorf an das obere Dietrichsdorf

Eine dringendes Problem war für die Gemeinde Dietrichsdorf die Anbindung der Arbeitersiedlung Neu Dietrichsdorf an den alten Ortskern von Dietrichsdorf. Der bisherige genutzte Zugang zum Ivensring über den Bocksberg war zu schmal war. Die Gemeinde ließ bis 1903 eine neue Verbindungsstraße zwischen Ortskern und Arbeitersiedlung, die Bergstraße, heute Eekberg anlegen. Die Bergstraße verlief vom Heikendorfer Weg bis an die noch 1903 in Planung befindliche heutige Tiefe Allee. Die Bergstraße war sehr steil und in der Gemeinde umstritten.

Die in Planung befindliche Tiefe Allee verlief vom Hohlen Weg in Neumühlen an bis an die Einmündung in den Boksberg in Dietrichsdorf. Ab 1904 begann man dann die Tiefe Allee, zwischen Schönberger Straße und Boksberg auszubauen. Mit dem Bodenaushub dieses Bauvorhabens konnte man dann auch die Helenenstraße erschließen und die Grundstücke auch dort bebauen.

Die Umgestaltung des alten Ortszentrums

Zwischenzeitlich (vor 1903) erwarb die Gemeinde Dietrichsdorf die bisher landwirtschaftlich genutzte Quittenkoppel. Die Gemeinde ließ von der Dorfstraße (heute Ivensring) aus nach Süden eine neue Straße in Richtung des heutigen Probsteier Platzes, die Quittenstraße anlegen. Sie verlief zunächst vom Ivensring aus bis an das seit 1903 geplante und 1908 eingeweihte neue Feuerwehrhaus.

Ab 1906 plante die Gemeinde eine Bebauung der Quittenkoppel. Das neue Baugebiet wurde durch den Ivensring, der Tiefen Allee und dem Hohlen Weg begrenzt.

Zentral in dem neuen Baugebiet wurde ein Marktplatz (heute Probsteier Platz) geplant. Um diesen Platz herum wollte man ein neues Ortszentrum gruppieren. Als erstes realisierte die Gemeinde den neuen Marktplatzes. Im Jahre 1907 konnte der um die 3.000 qm große Patz an die Gemeinde übergeben werden. Gleichzeitig ließ die Gemeinde auch die Quittenstraße bis zum Probsteier Platz verlängern. Die weiteren ausgewiesenen Grundstücke wurden Landesweit angeboten. Zur Überraschung der Gemeinde war das Interesse Grundstücke in Dietrichsdorf zu erwerben sehr gering.

Der auf dem Quittenberg, angelegte Platz, als neuer Marktplatz und neues Ortszentrum geplant, konnte diese Anforderungen nicht erfüllen. Nach und nach änderte die Gemeinde die Planungen wieder. Die geplante Kirche am Platz wurde aus finanziellen Gründen nicht gebaut. Auch das geplante neue Dietrichsdorfer Rathaus wurde nicht realisiert. Die Gemeinde erwarb im Juni 1908 ein zweistöckiges Gebäude am Ivensring 15 und nutzte dieses Haus für die Gemeindeverwaltung, in der ersten Etage befand sich der Sitzungssaal der Gemeindevertretung und das Amtszimmer des Amtsvorstehers, der gleichzeitig im Dachgeschoß seine Dienstwohnung nutzte.

1907 wurde mit dem Bau des neuen Spritzenhauses für die Dietrichsdorfer Feuerwehr an der Quittenstraße begonnen. Nach erfolgter Abnahme wurde das neue Feuerwehrhaus im August 1908 an die Gemeinde übergeben.

Im August 1910 beschloss die Gemeinvertretung den Bau einer öffentlichen Volksbadeanstalt und Turnhalle. Das neue Gebäude wurde nach Plänen des Architekten Johannes Garleff erbaut. Das Gebäude umfasste zwei Stockwerke und wurde entgegen den Planungen abseits vom neuen Markplatz auf der östlichen Seite der verlängerten Quittenstraße mit Freifläche (Turnplatz) und Kastanienallee erbaut.

1913-15 wurde dann nach Plänen des Architekten Ernst Prinz die Mädchenschule an der Tiefen Allee erbaut. Die Adolf-Reichwein-Schule war zur Tiefen Allee hin on einer Schulhofmauer eingefasst. Vom Reichweinweg hinter der Schule führte eine Treppe zur Tiefen Allee. Von der Tiefen Allee gelangte man an der Nordseite der Schule über eine Freitreppe und dem Haupteingang in das Schulgebäude.

Diese beiden öffentlichen Gebäude waren die letzten Neubauten im Wohnquartier vor dem Ersten Weltkrieg. Außer der Fertigstellung von privaten Mietshäusern an der Quittenstraße (Nr. 3 bis 11) wurde die weitere Bebauung des Quartiers, auch wegen des Kriegsbeginns 1914 erst einmal beendet.

Für den weiteren Werftausbau erwarb Howaldt noch vor 1900 das gesamte Gelände zwischen Schwentine und Artilleriedepot. Für die Angestellten gründete Howaldt einen eigenen Konsumverein, um den Einfluss der im Ort vorhandenen drei Läden der Konsumgenossenschaft der Arbeiterbewegung zu minimieren. Zugleich errichtete Howaldt auf der Werft 1902 ein Speise- und Logierhaus. Hier konnten 500 Gäste zeitgleich ihre Mahlzeit einnehmen und im Obergeschoss beherbergte man 175 ledige Arbeiter.

Neumühlen-Dietrichsdorf**

Bereits seit 1893 versuchte die preußische Staatsregierung, vertreten durch den Landrat in Bordesholm, erfolglos die Gemeinden Neumühlen, Dietrichsdorf und Wellingdorf miteinander zu verschmelzen. Dieser erste Versuch wurde aber durch Neumühlen abgelehnt. Im Jahre 1902 starteten dann Vertreter aus Dietrichsdorf und Neumühlen einen erneuten Versuch zumindest eine Verschmelzung beider Gemeinden herbeizuführen. In diesem Zusammenhang wies erstmalig der Dietrichsdorfer Gemeindevorsteher auf die Möglichkeit einer Zwangsvereinigung der beiden Gemeinden hin. Obwohl eigentlich beide Gemeinden eine gütliche Einigung anstrebten, zwischenzeitlich wurde eine Vereinigung der Gemeinden Dietrichsdorf und Neumühlen sogar vom Regierungspräsidenten befürwortet, konnte man sich bis April 1905 nicht über die Modalitäten einigen.

Anmerkung:

Die Gemeinde Dietrichsdorf umfasste 1905 eine Fläche von 283ha und rund 5.000 Einwohner lebten in der Gemeinde. Die Gemeinde Neumühlen umfasste lediglich eine Fläche von 49ha und nur ca. 900 Einwohner lebten in Neumühlen..

Da keine Einigung abzusehen war, stellte am 24. April 1905 die Gemeinde Dietrichsdorf beim Kreisausschuss in Bordesholm den Antrag eine zwangsweise Eingemeindung der Gemeinde Neumühlen in die Gemeinde Dietrichsdorf zu veranlassen. Im Mai 1905 widersprach die Vertretung der Gemeinde Neumühlen diesem Antrag. Der Kreisausschuss zwang beide Gemeinden wieder an den Verhandlungstisch.

Letztendlich einigte man sich auf einen Vereinigungsvertag, der am 11. Februar 1907 von der Gemeindevertretung Dietrichsdorf und am 13. Februar 1907 von der Gemeindevertretung Neumühlen akzeptiert wurde. Im Mai 1907 erfolgte die Vereinigung beider Gemeinden zur Gemeinde Neumühlen-Dietrichsdorf.

Quelle:

**Petersen, Sönke Seite 28-36, Die Handwerker- und Bauerndörfer Neumühlen und Dietrichsdorf auf dem Weg in die neue Zeit in Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte: Sonderveröffentlichung, 38, Tradition und Aufbruch im Schwentinetal / herausgegeben von Gert Kaster; Husum 2001

**Sönke Petersen, Arbeiterbewegung, Kommune und Howaldtswerke, Ein Geschichtsbild von Neumühlen -Dietrichsdorf 1864 bis 1924, Berlin: Pro BUSINESS 2016, ISBN 978-3-86460-427-0

Als der Werftgründer Georg Howaldt am 10. Mai 1909 starb, stand die Werft aus wirtschaftlicher Sicht auf einem nicht mehr sicherem Fundament. Sein Sohn Georg jun. musste eine Kapitalaufstockung Anfang 1909 vornehmen. Der Schiffbau steckte aber in einer tiefen Krise. Nur durch zusätzliche Rüstungsaufträge konnte die Werft überleben.

Weiterhin verkaufte man Grundbesitz außerhalb des Werftgeländes. Am nördlichen Schwentineufer, auf dem Areal des Schwentine-Parkhotels zwischen Baltischer Mühle und der Werftstraße (heute Grenzstraße) siedelten sich die Firmen Anschütz & Co an und das Richtung Westen folgende Gelände wurde von der Hafenbaufirma Steffen Sohst übernommen. 1910 schied Georg Howaldt jun. aus dem Vorstand des Werftbetriebes aus. Damit ging die Ära der Schiffbauerfamilie Howaldt in Dietrichsdorf zu Ende

Das zwischen dem nördlichen Ufer der Schwentinemündung und der Stadtgrenze nach Mönkeberg (Kreis Plön) liegende Neumühlen-Dietrichsdorf wurde erst zum 1. Mai 1924 ein Stadtteil der Landeshauptstadt Kiel. Zum Stadtteil gehört außerdem noch die Siedlung Oppendorf.

Wellingdorf*

Die kleine Gemeinde Wellingdorf, zwischen Ellerbek und Neumühlen gelegen, konnte sehr lange seinen dörflichen Charakter bewahren. Im Gegensatz zu Gaarden, Ellerbek und Dietrichsdorf siedelten sich hier keine großen Industrie- und Schiffbaubetriebe an. Die erste Gewerbeansiedlung war die Verlegung der Kalkbrennerei von A. C. Hansen von Ellerbek nach Wellingdorf.

Anmerkungen:**

Der Kapitän August Christian Hansen (geb. 9.11.1824 in Hamburg, gest. 18.10.1901 in Wellingdorf) wurde 1855 Kieler Bürger. Am 14. Februar 1862 heiratete er Friederike Möller, Tochter des Ziegelmeisters Hans Christian Möller. Mit Hilfe seines Schwagers Carl Friedrich Möller übernahm er im Oktober 1865 in Ellerbek die Kalkbrennerei von Bendixen. Da in Ellerbek die Kaiserliche Werft errichtet wurde, musste auch Hansen sein Grundstück mit der Kalkbrennerei an den preußischen Fiskus abtreten. A.C. Hansen kaufte daraufhin in Wellingdorf direkt an der Schwentine die Koppel Stangenhoff.  mit breiter Wasserfront. Die Koppel wurde erschlossen und Hansen ließ von seinem Schwager Ludwig Arp einen neuen, 4 Kammer Kalkofen und ein Wohnhaus erbauen. Hansen nahm 1870 den Geschäftsbetrieb wieder auf. Zusätzlich umfasste die Firma jetzt auch noch einen Baustoff- und einen Kohlehandel. Zunächst lieferten Segelschiffe englische Kohle direkt an der Schwentine ab. Die Segelschiffe wurden durch Dampfschiffe ersetzt und der Kohleumschlag von den Firmen Paulsen und Ivers, Diederichsen und Sartori & Berger am Bahnhofskai übernommen. Mit einem Prahm schaffte man dann die benötigten Kohlen nach Wellingdorf.

Am 15. Februar 1872 richtete A. C. Hansen mit dem Dampfer Neumühlen eine regelmäßige,  halbstündliche Fährverbindung von der Schwentine nach Kiel ein. Mit dem weiteren Ausbau der Howaldtswerke nahm die Förde Schifffahrt zwischen Neumühlen und Kiel erheblich zu (1887 arbeiteten auf der Werft 634 und 1889 aber bereits 1.263 Mitarbeiter). In weiser Voraussicht kaufte A. C. Hansen am Ufer der Schwentine in Dietrichsdorf ein kleines Grundstück und baute hier den Fähranleger Dietrichsdorf auf. An der Mündung auf der südlichen Seite der Schwentine wurde an der Grenze zu Ellerbek ein weiterer Fähranleger erbaut.

Quelle:

** MGKStG Band 80-3, 2000, Anna Krohn, Ein Lebensbild der Familie A.C. Hansen Kiel-Wellingdorf Seite 110/111

Ab 1893 siedelte sich an der Schwentine die kleine Werft von Stocks und Kolbe an, die seit 1893 sich im Holz- aber Spezialschiffbau betätigte. Das Unternehmen beschäftigte zeitweilig rund 250 bis 300 Mitarbeiter. Durch zusätzliche Aufträge der Kaiserlichen Marine war die Werft so ausgelastet, dass 1907 in Sonderburg ein Zweigwerk errichtet wurde. Im Juni 193o, nach 37- jährigem Bestehen, schloss die Werft ihre Pforten. Christian Kolbe verstarb noch im gleichen Jahr, sein Grabstein befindet sich auf dem Ostfriedhof.**

Quelle:

** MGKStG Band 75, 1989,  Hg. Jürgen Jensen, Werner Busch, Günther Breit, Christa Geckeler, Hans Schöner, Ilse Stutzer, Maren Zenk, Das Gymnasium Wellingdorf

Nach der Aufhebung des Mühlenzwanges entstanden um 1869 viele neue Windmühlen. Eine davon war die Mühle in der Schönberger Straße, die von Wilhelm Heuck 1888 erworben wurde. Die Mühle wurde von Heuck zu einem modernen Betrieb umgebaut. Im Jahre 1890 überließ Heuck einen seiner Räume der bereits 1889 gegründeten Vereinsbäckerei, die diesen Raum als Backstube nutzte. Die Vereinsbäckerei nahm damit in Wellingdorf ihre Tätigkeit auf und setzte sich später in Gaarden als Großbetrieb durch.

Eine weitere gewerbliche Ansiedlung in Wellingdorf war 1901 dann noch die Hanf- und Drahtseilfabrik der Firma Andersen, mit einer fast 500 Meter langen Bahn.

Erst mit der Umsiedlung der Ellerbeker Fischer nach Wellingdorf begann ein neuer Abschnitt für Wellingdorf. Für die Erschließung des Baugebietes für die neue Fischersiedlung wurden umfangreiche Erdarbeiten notwendig. Das Gelände auf dem Rosenberg wurde planiert und die Wellingdorfer Höhen verschwanden. Der Ausbau des Fischereihafens ab 1902 erfolgte entsprechend der von den Fischern geäußerten Wünsche. Es wurden drei parallele Straßen angelegt (Wischhofstraße, Brückenstraße und Sohststraße) von denen weitere Straßen abzweigten. 1903 begann man dann mit dem Bau der ersten Häuser und bereits im Januar 1904 bezogen dann die ersten Ellerbeker Fischer die ersten neuen Häuser in Wellingdorf.

Weitere Veränderungen in Wellingdorf kündigten sich auch in der Schönberger Straße an, hier wurden zunächst sechs Neubauten mit Vorgärten im Villenstil errichtet. Der Ellerbeker Bauverein dehnte sich ebenfalls über die Ortsgrenze Ellerbeks in Richtung Wellingdorf aus und erschloss weitere freie Flächen um hier Wohnraum für die Arbeiten und Angestellten der Kaiserlichen Werft. Zunächst legte man die Straßen Timkestraße, Kieler Kuhle und Kuchelstraße an. Wellingdorf begann sich nun, obwohl die Bebauung noch lückenhaft war, auch lebhaft zu verändern. Aber schon Ende 1904 lief der erste Bauboom in Wellingdorf langsam aus. Von den meist reetgedeckten Bauernhäuser blieben in Wellingdorf nur wenige erhalten, 1905 gab es nur noch vier große Bauernhöfe.

Aber bereits ab 1910/1911 setzte wieder eine rege Bautätigkeit ein. An der Wischhofstraße errichtete man mehrere Einfamilienhäuser mit Vorgärten für Beamte. Ebenfalls 1910 gründete man den Landhaus-Bauverein-Wellingdorf. Das Vereinsziel war es den Mitgliedern zu einem Eigenheim zu verhelfen. Zunächst legte man bis 1912 den Wehdenweg und seine Nebenstraßen (u.a. Rosenfelder Straße, Dobersdorfer Straße) an. Im Vertrag zur Eingemeindung der Gemeinde Wellingdorf wurde auch die Errichtung einer Schule auf dem Grundstück des ehemaligen Bauernhofes Langmaack vereinbart. Die Ausbaupläne wurden von der Gemeinde entsprechend unterstützt.

Durch die anhaltende Erweiterung der Gemeinde Wellingdorf hatte aber auch Einfluss auf die Bevölkerungszahlen. Lebten 1850 in der Gemeinde lediglich 366 Einwohner, hatten sich 1907 bereits ca. 4.000 Einwohner in Wellingdorf angesiedelt. Zum Zeitpunkt der 1910 erfolgten Eingemeindung registrierte man ca. 4.500 Einwohner im neuen Stadtteil. Im Gegensatz zu den Nachbarn Gaarden und Ellerbek wies der Stadtteil Wellingdorf keine große Siedlungsdichte auf.

Für Verbindung von Wellingdorf nach der Stadt Kiel hatte man drei verschiedene Alternativen:

  • Am 15. Februar 1872 gründete A. C. Hansen die blauen Dampfer Linie, die zwischen Neumühlen und Seegarten über Tag die Förde überquerte.
  • Am 3. Mai 1901 verband die Straßenbahn (elektrisch) erstmalig Wellingdorf mit Gaarden. Die Fahrt endete am Fähranleger Wilhelminenhöhe.
  • Seit 1897 war in Wellingdorf ein Haltepunkt für die zwischen Kiel und Schönberg verkehrende Kleinbahn eingerichtet. Hier lieferten die Probsteier Bauern ihre Milch an die Wellingdorfer Meierei ab.

Quelle:

* Breit, Günther, Christa Geckeler, Dörfer des Ostufers werden Stadtteile der Großstadt Kiel, in: Das Gymnasium Wellingdorf. Eine Schule auf dem Ostufer, 1914-1989, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 75, S. 30-66

* Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 23. Mai 1867 | Errichtung einer Marinewerft in Ellerbek und des Erscheinungsdatums 23. May 2007

* SVGKStG Band 29 Hrsg. Jürgen Jensen, 1995, Lutz Wilde, Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel, S. 62-64, S. 450 – 455

Ellerbek*

Das Dorf Ellerbek musste im ersten Bauabschnitt für den Ausbau der Kaiserlichen Werft dreimal Land an den Fiskus abtreten. Das erste 1868 vom Marinefiskus in Ellerbek erworbene Gelände umfasste eine Baufläche von ca. 17 Hektar. Mit dem weiteren Baufortschritt wurde noch weiteres Bauland erworben, 1869 (16 Hektar) und 1874 (37 Hektar). Durch eine erfolgte Ausdeichung der Ellerbeker Bucht um 6 Meter in die Förde hinein und weiterem Grunderwerb auf Gaardener Gebiet (neue Dockkapazitäten / Verlegung Germaniawerft) wurde das Werftgebiet bedeutend erweitert, so dass dem Marinefiskus für den Werftaufbau mehr als 70 Hektar (Kaufpreis rund 2 Mill. Mark) Bauland zur Verfügung standen.

Die ersten betroffenen Bewohner Ellerbeks die 1868/1869 ihre Wohnungen verlassen mussten waren die Anwohner von Dorfstraße und Strandweg. Die 44 frei gewordenen Häuser mit Nebengebäuden wurden abgerissen. Betroffen war auch die alte Fährschänke. Für die Umsiedlung der Familien wurde ab 1868 ein Gelände zwischen Schönberger Straße und dem Fischerort (Ellerbeker Strand) eingeebnet und erschlossen. Die neuen, 1868 bis 1874 erbauten Häuser am Ellerbeker Strand unterschieden sich deutlich von den alten mit Reet eingedeckten Fischerhäusern. Die Mehrzahl der Bewohner bezogen Häuser auf dem neuen neu erschlossenen Gelände am Ellerbeker Strand.

Die Kaiserliche Werft nahm 1878 ihren Betrieb auf. Dadurch wurden für Ellerbek sowohl wirtschaftliche Veränderungen aber auch eine Veränderung in der Bevölkerungsdichte und der Bevölkerungsstruktur eingeleitet. Seit 1873 gab es in Ellerbek eine Poststation, ab 1876 sogar eine Telegrafenstation.

Die Stationierung der Kaiserlichen Flotte in Kiel hatte zur Folge, dass die Ellerbeker Fischer mehr Fanggründe außerhalb der Kieler Förde aufsuchen mussten. Trotz dieser Mehrbelastung blühte die Fischerei und die Fischindustrie, hier besonders die Räuchereien in den 1870er Jahren in Ellerbek auf. Noch 1880 waren unter den 161 stimmberechtigten Bürgern in Ellerbek 7o Fischer und 25 Räuchereibesitzer.

Bereits 1903 wurde eine weitere Erweiterung der Kaiserlichen Werft notwendig. Die neuen Planungen sahen u.a. eine weitere Ausdehnung der Kaiserlichen Werft nach Wellingdorf, bis zur Werft Stocks & Kolbe vor. Für diese vierte Werfterweiterung mussten rund 800 Personen aus 150 Familien ihren Wohnort aufgeben.

Als neues Siedlungsgebiet wurde der bis an die Schwentine reichende Kriechhofsche Garten (auch Rosenberg genannt) in Wellingdorf ausgewählt. Der Stichtag dieser Umsiedlung war der 5. März 1904. Die Häuser der neuen Fischersiedlung, u. a. geplant von dem Architekten Johann Theede boten den Familien ausreichend Platz und einem der Zeit entsprechenden modernen Wohnkomfort. Parallel zu den neuen Wohnungen wurde in Wellingdorf auch ein geschützter Fischereihafen für die Umsiedler errichtet.

Ellerbek hatte um 1860 ca. 500 Einwohner. Bis zum Ende der zweiten Umsiedlung 1904 wuchs die Ellerbeker Bevölkerung auf ca. 7500 Einwohner an. Der sich abzeichnende wirtschaftliche Aufschwung brachte aber für die Ellerbeker Dorfverwaltung große finanzielle Schwierigkeiten mit sich. Ellerbek hatte durch die schnelle Veränderung der Bevölkerung sehr hohe Gemeindelasten zu tragen. Das Steueraufkommen der zugezogenen Bevölkerung war bei weitem nicht kostendeckend. Die Kaiserliche Werft, Eigentum des Staates, war gesetzlich nicht verpflichtet Beiträge zu den Gemeindelasten zu leisten. So war und blieb Ellerbek bis zur erfolgten Eingemeindung auf Unterstützung von Seiten des Fiskus besonders im Schul- und Armenwesen angewiesen.

Die Mehrheit der Ellerbek Bevölkerung war auf der Kaiserlichen Werft beschäftigt, wodurch sich das Fischer- und Bauerndorf Ellerbek eine Arbeitersiedlung wandelte.

Auswirkungen der Werftansiedlung

Der Verbindungsweg zwischen Ellerbek und Gaarden (Hemminghestorp) war lediglich ein unbefestigter Ufer- und Strandweg, der bei Hochwasser auch überspült wurde. Bis 1868 verlief dieser Strandweg von der alten Dörpstrat in Ellerbek in Richtung Sandkrug (Wilhelminenhöhe) in Gaarden. Strandweg. Am Strandweg in Richtung Wilhelminenhöhe befanden sich zwischen Strand und Straße Fischerhäuser. Die Siedlung Op’n Röbarg und der alte Strandweg fielen dem Werftausbau zum Opfer. Das gesamte neue Werftgelände zwischen Ellerbek und Gaarden wurde mit einer roten Werftmauer eingefasst. Als Ersatz für den alten Strandweg wurde eine neue sechs Meter breite Straße mit zwei, drei Meter breiten Bürgersteigen geplant. Die neue Ringstraße führte von Ellerbek entlang der neuen Werftmauer nach Gaarden bis kurz vor der Wilhelminenhöhe und wurde hier wieder mit der alten Verbindungsstraße (Strandweg) zusammengeführt Von hier wurde sie als Schönberger Straße bis zur Lübecker Chaussee weitergeführt. In Ellerbek verlängerte man die neue Verbindungsstraße in Richtung Wellingdorf ab dem Klausdorfer Weg bis an die Schönberger Straße und stellte so eine Verbindung mit der alten Probsteier Landstraße her. Ab 1910 wurden dann die Schönberger Straße und die neue Ringstraße gemeinsam in Werftstraße umbenannt.

Auf Höhe des Bau- und Ausrüstungs-Bassin der Kaiserlichen Werft an der Ringstraße (Werftstraße), gab es bereits die kleine Siedlung Dockshöhe. Die drei von der Ringstraße ausgehenden Straßen der Siedlung wurden 1878 in das Straßennetz des Ellerbeker Bauvereins integriert.

Ellerbeker Bauverein*

Die weitere Aufrüstung der Kaiserlichen Marine und die damit verbundene Werfterweiterung führte zu einem steigenden Bedarf an Arbeitskräften auf der Kaiserlichen Werft. Die neuen Arbeitskräfte, meist Angestellte oder gelernte Arbeiter, die mit ihren Familien zuwanderten benötigten entsprechenden Wohnraum. Die steigende Nachfrage nach bezahlbaren Wohnraum war, trotz des sprunghaften Bevölkerungswachstums, im Vergleich zu anderen Großstädten beherrschbar, da die Stadt Kiel ausreichend Bauland für den Wohnungsbau zur Verfügung stellte.

Durch flankierende Maßnahmen wurden auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau für Baugenossenschaften verbessert. Man führte ab dem 1. Mai 1889 eine beschränkte Haftung für Genossenschaften ein. Auch war es ab 22. Juni 1889 den Versicherungsanstalten erlaubt, bis zu einem Viertel ihrer verfügbaren Gelder den gemeinnützigen Bauvereinen in Form von zinsgünstigen Darlehen zur Verfügung zu stellen. Der Staat erkannte seine Verantwortung für die Versorgung mit Wohnraum an und unterstützte den gemeinnützigen Wohnungsbau finanziell. Durch diese gesetzlich vereinbarten Maßnahmen wurden verstärkt Baugenossenschaften gegründet.

Die Aktivitäten des Kieler Handelskammersekretär Peter Hansen führte schon 1889 zur Gründung des „Arbeiter-Bauverein für Ellerbek und Umgebung". Die Geschäftsanteile des Bauvereins (je 150 RM, max. 10 Anteile) konnten lediglich von Belegschaftsmitglieder der Kaiserlichen Werft erworben werden. Die Geschäftsanteile wurden über einen monatlichen Mindestbeitrag von 1 RM angespart und das Guthaben entsprechend verzinst. Um sich den  Wunschtraumes nach eigenem Grund und Boden zu erfüllen, erwarben bereits 117 Mitglieder am Gründungstag Geschäftsanteile. Trotzdem war der Ellerbeker Bauverein auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen. Diese notwendigen Unterstützungen gewährten die LVA Schleswig-Holstein, das Reichsamt des Innern und das Reichsmarineamt.

Gleich nach seiner Gründung entwickelte der Arbeiter-Bauverein eine rege Bautätigkeit. Die ersten zwei Wohnhäuser wurden an der Preetzer Chaussee bereits 1890 fertiggestellt. Diesem Bauvorhaben folgten ab 1891 dann vier weitere Häuser an der Preetzer Chaussee und noch bevor die ersten beiden Häuser bezugsfertig waren, wurden bereits die Grundsteine für vier weitere Dreifamilienhäuser gelegt. Mit diesen Bauprojekt konnte sich der Ellerbeker Bauverein, trotz einiger Anlaufschwierigkeiten etablieren und weitere Bauvorhaben planen.

Dem Ellerbeker Bauverein gelang es, um von Bodenspekulationen verschont zu bleiben seinen bereits vorhandenen Grundbesitz um neue, günstige Grundstücke erheblich zu erweitern. Bis Ende 1909 verfügte der Bauverein über einen Grundbesitz von insgesamt 111,2 Hektar, wobei 68,7 Hektar sich auf Wellingdorfer Gebiet befanden, 36,3 Hektar befanden sich auf Ellerbeker Gebiet und lediglich 6,2 Hektar verblieben noch in Gaarden Ost. Mit diesem umfangreichen Grundbesitz konnte der Ellerbeker Bauverein seinen Mitgliedern (1902 = 2.004 Mitglieder) preiswertes Bauland anbieten, so dehnte sich die Ellerbeker Siedlung bis 1909 über die Regionalbahn Kiel ⟨⟩ Schönberg bis zum Alten Elmschenhagener Weg bzw. bis zum Alten Ellerbeker Weg aus.

Der Erwerb dieser neuen Bauflächen, die mehrheitlich auf Ellerbeker und Wellingdorfer Gebiet lagen und auch noch weiterführenden Wohnungsbau ermöglichten, bewogen den Bauverein seinen Wirkungskreis von Gaarden Ost nach Ellerbek zu verlegen. Als 1901 der Ellerbeker Bauverein dem Revisionsverband Schleswig-Holsteinischer Baugenossenschaften beitrat, wurde die alte Bezeichnung des Bauvereins in „Arbeiterbauverein in Ellerbek“ umgeändert.

Für die Gemeinde Ellerbek war die Zusammenarbeit mit dem Ellerbeker Bauverein sicherlich nicht immer einfach. Die Interessen des Bauvereins und die Interessen des Bauvereins mussten gemeinsam abgeglichen werden. Dieser Abgleich war sicherlich auch für die Gemeinde manchmal sehr belastend. Doch stets wurden von der Ortsverwaltung die Baupläne des Arbeiter Bauvereins positiv unterstützt.

Bis 1900 wurden durch den Ellerbeker Bauverein schon 376 Häuser erstellt. Bis 1905 stieg die Zahl der Neubauten dann auf insgesamt 688 Häuser und bis 1914 sogar stieg die nochmals Anzahl der erbauten Häuser auf 943 an. Das neue Siedlungsgebiet bot den Bewohnern im Vergleich zu den Arbeiterquartieren in Gaarden eine sehr hohe Lebensqualität. Die Ausstattung der neuen Häuser und die Infrastruktur der neuen Siedlung verbesserten grundlegend die Wohnsituation der Arbeiter in Ellerbek.

Anmerkungen:

Alle Grundstücke der Siedlung waren an die Kanalisation angeschlossen. Ab 1899 wurde die Siedlung des Bauvereins auch an das Netz der Gaardener Gasanstalt angeschlossen. So konnte für die Bewohner die Straßenbeleuchtung und auch das Kochen mit Gas sichergestellt werden. Der Versuch des Bauvereins die neuen Gebäude an die Wasserversorgung der Stadt Kiel anzuschließen, scheiterte und daher übernahm dann ab 1904 das Wasserwerk der Gemeinde Dietrichsdorf die Wasserversorgung der Ellerbeker Siedlung. Weiterhin wurden ab 1912 alle Grundstücke mit Elektrizität versorgt. Als erste Einkaufsmöglichkeit wurde 1893 ein Geschäft für Kolonialwaren fertiggestellt. Bäckerei, Schlachterei und Räucherei folgten. Der Bauverein bezog im Jahr 1900 ein eigenes Geschäftshaus an der Ecke Ringstraße/Hollmannstraße. Der Neubau beherbergte zur Verwaltung der Vereinsangelegenheiten eine Geschäftsstelle mit einem Sitzungssaal und drei Personalwohnungen. Im Juli 1914 weihte der Werft Frauenverein an der Prinzenstraße einen Kindergarten (Dorotheen Kindergarten) ein.

1914, 25 Jahre nach seiner Gründung hatte der Ellerbeker Bauverein sich als ein wichtiger Faktor auf dem Wohnungsmarkt entwickelt. Die Möglichkeit für Arbeiter und Angestellte über günstige Mieten Eigentum erwerben zu können, machte die Erwerber sowohl unabhängig vom öffentlichen Wohnungsmarkt als auch unabhängig vom Werkswohnungsbau. Im Jubiläumsjahr lebten bereits 4.922 Einwohner in den vom Bauverein erbauten Siedlungshäusern. Weiterhin gingen sind von den 943 bis 1914 erbauten Häusern bereits 141 Häuser in das Eigentum der Erwerber (Genossenschaftsmitglieder) übergegangen.

Quelle*:

* SVGKStG Band 48 Hrsg. Jürgen Jensen, 2004, Dörte Beier Kiel in der Weimarer Republik, S 224ff

Gaarden*

Der heutige Stadtteil Gaarden bestand ursprünglich aus der zu dem Kloster Preetz (Kreis Plön) gehörenden Gemeinde Gaarden-Ost (1212 Hemminghestorp, klösterliches Gaarden) und der seit 1907 zum Kreis Bordesholm gehörenden Gemeinde Gaarden-Süd (1402 Wulvesbrook, fürstlich Gaarden). Die Grenze zwischen diesen beiden Gemeinden bildete die südlich der Preetzer Chaussee vom Langsee in die Hörn fließende Mühlenau. Eine weitere Trennung der beiden Gemeinden manifestierte sich durch den Bau des Eisenbahndammes der 1844 eröffneten Eisenbahnlinie von Kiel nach Altona.

In beiden Gemeinden lebten 1860 lediglich 400 Einwohner. Als Folge der Werftansiedlungen und Werfterweiterungen stieg die Einwohnerzahl aber 1910 bereits auf 30.427 Einwohner an. Dieser Zuwachs resultierte hauptsächlich aus dem steigenden Arbeitskräftebedarf auf den Werften. Der dringend benötigte zusätzliche Wohnraum für die neuen Werftarbeitern mit ihren Familien löste einen Bauboom in beiden Gemeinden aus. In den Gemeinden setzte sich rasant die städtische Bebauung durch. Schneller als Gaarden-Süd entwickelte sich Gaarden-Ost zu einem städtischen Wohnbezirk.

Nach der Brunswik (1896) und der Wik (1893) wurde schon am 1. April 1901 die Gemeinde Gaarden-Ost (klösterliches Gaarden) in Kiel eingemeindet. Im Jahre 1910 folgte dann die Gemeinde Gaarden-Süd (fürstlich Gaarden).

Quelle:

* Breit, Günther, Christa Geckeler, Dörfer des Ostufers werden Stadtteile der Großstadt Kiel, in: Das Gymnasium Wellingdorf. Eine Schule auf dem Ostufer, 1914-1989, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 75, S. 30-66

* Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 23. Mai 1867 | Errichtung einer Marinewerft in Ellerbek und des Erscheinungsdatums 23. May 2007

* Walter Ehlert, 2021, Das historische Gaarden, Bauernland wird Industriestandort, Husum, S. 28 - 33

* SVGKStG Band 29 Hrsg. Jürgen Jensen, 1995, Lutz Wilde, Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel, S. 62-64, S. 54 – 59

* MGKStG Band 77-1, 1991, Ulrike Weber-Karge, Wohnungsbau in Gaarden 1880-1950

Gaarden-Ost (klösterliches Gaarden)*

Mit der Regierungsübernahme von Kaiser Wilhelm II. sollte die Marine nicht nur für den Küstenschutz eingesetzt werden, sondern Deutschland zu einer Seemacht aufgerüstet werden. Somit setzte auch in Kiel ein massiver Schiffsneubau für die Marine ein. Die Norddeutsche Schiffbau AG nahm 1867 an der Förde in Gaarden ihren Betrieb auf. Aus der NSAG wurde dann 1879 die Schiffs- und Maschinenbau AG Germania, die ab 1902 als Fried. Krupp, Aktiengesellschaft Germaniawerft bis 1922 weiter tätig war.

Als Folge der weiteren Entwicklung des Werftbetriebes in Ellerbek und Gaarden wurde das Gelände am östlichen Ufer der Förde planiert, der Wittenbarg mit der Gaststätte Wilhelminenhöhe wurde abgetragen und der südliche Teil der Hörn zugeschüttet. Die Werften auf dem Ostufer erhielten einen Bahnanschluss. Mit der Anlage der Norddeutschen Schiffbau AG (1867) und der Kaiserlichen Werft (1868) setzte für Gaarden-Ost ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Wohnten 1865 nur 400 Einwohner in klösterlich Gaarden, so betrug die Zahl der Einwohner 1880 bereits mehr als 8.000. Ohne geordnete Bebauungspläne setzte eine rege Bautätigkeit ein. Dieser, durch den Bevölkerungszuwachs einsetzende Bauboom in der Gemeinde Gaarden-Ost (klösterlich Gaarden) verwandelte das alte Bauerndorf in nur einer Generation zu einem Industriewohnviertel. Neue Straßen wie z.b. die Norddeutsche Straße, Werftstraße (Sandkrug) und die Wilhelminenstraße (Hügelstraße). Die neuen Straßenzüge wiesen zum Teil sehr starke Steigungen auf. Viergeschossige Mietshäuser prägten bald das Bild des Ortes vor allem im Bereich Werftstraße - Karlstal – Kaiserstraße. Als zentralen Marktplatz in der Mitte des Wohnviertels legte man den Vinetaplatz an.

Da die Zahl der Einwohner sich weiter erhöhte, im Jahre 1910 lebten bereits mehr als 30.000 Menschen in Gaarden-Ost dehnten sich die Arbeiterquartiere östlich bis an den Germaniaring (heute Ostring) aus und in südlicher Richtung erreichte sie Grenze der Gemeinde Gaarden-Süd.

Das Straßenbild in Gaarden-Ost wurde, wie für die damalige Zeit typisch, von drei- bis fünfgeschossigen Mietshäuser in geschlossener Blockrandbebauung geprägt. In den Mietshäusern befanden sich teilweise Läden und auf den Hinterhöfen siedelten sich kleine Handwerksbetriebe an. Die zwei Zimmer Wohnungen waren aber meist lediglich 50qm groß und die Toilette befand sich auf dem Hof. Eine Ausnahme war aber die von der Firma Krupp 1902 am Germaniaring (Ostring) erbaute Arbeitersiedlung.

Die Gestaltung und Anordnung der von Krupp geplanten Mietshäuser der Kruppschen Siedlung (Ostring, Preetzer Straße sowie Blitzstraße) setzte für den damaligen Wohnungsbau in Gaarden-Ost neue Maßstäbe. In den Entwürfen wurde versucht die übliche Blockrandstruktur zurückzudrängen.

Die Kruppschen Wohnungen boten Werftarbeitern einen Komfort, der für damalige Verhältnisse vorbildlich war. Die Wohnungen waren abgeschlossen und hatten Toiletten. In Waschküchen standen Badewannen für mehrere Mietparteien bereit, und trotzdem war der Mietpreis für den Arbeiter bezahlbar.

Kruppsche Siedlung*

Die Friedrich Krupp AG, Essen erkannte sehr früh, dass eine starke Identifizierung der Belegschaft mit dem Unternehmen sich positiv auf die Produktivität auswirkte. Daher, um die zu damaliger Zeit hohe Fluktuation zu reduzieren, wurde bei der Friedrich Krupp AG die Schaffung von Arbeiterwohnungen ein Teil der Sozial- und Unternehmenspolitik. Man erhoffte sich mit der Bereitstellungen von Arbeiterwohnungen eine noch stärkere Bindung der Belegschaft an das Unternehmen zu erreichen.

Schon ab den 1860er Jahren hat die Firma Krupp im Ruhrgebiet bereits für die Mitarbeiter werkseigene Arbeiterwohnungen errichtet. 1896 wurde im Rahmen eines Überlassungsvertrages die in finanzielle Schieflage geratene Schiff- und Maschinenbau AG Germania von Krupp gepachtet und bis 1902 grundlegend modernisiert. Die endgültige Rettung erfolgte 1902 als die Friedrich Krupp AG, Essen für 6,325 Millionen Mark die Germaniawerft übernahm und als Fried. Krupp Germaniawerft in den Konzern integrierte.

So war es nur noch eine Frage der Zeit bis auch in Kiel für die Beschäftigten der Friedrich Krupp Germaniawerft die Firma Krupp Wohnungen erbaute. Ab 1902 wurde der Germaniaring (heute Ostring) zwischen Preetzer Straße und der Blitzstraße m Brook ausgebaut. Auf der von den Straßen Germaniaring, Preetzer Chaussee und Blitzstraße eingeschlossenen Grundstücksfläche ließ die Friedrich Krupp Germaniawerft für ihre Beschäftigten eine Arbeiterkolonie (Kruppsche Siedlung) bis 1902 zu errichten. Das Baubüro in Essen (Leitung Robert Schmohl) entwarf die Pläne für zehn Gebäude mit insgesamt 215 Wohnungen

Wie zur damaligen Zeit im Arbeiterviertel Gaarden Ost üblich bestimmten drei- bis fünfgeschossigen Mietshäuser in geschlossener Blockrandbebauung das Straßenbild. Die Gestaltung und Anordnung der von Krupp geplanten Mietshäuser der Kruppschen Siedlung stellten für den damaligen Wohnungsbau in Gaarden Ost etwas Besonderes dar. In den Entwürfen wurde versucht die übliche Blockrandstruktur zurückzudrängen. Die vier Blocks zwischen Blitzstraße, Germaniaring und Preetzer Chaussee sind so angeordnet das sie über drei Höfe miteinander verbunden sind. Der durchgehende Wohnblock am Germaniaring ist viermal geknickt wobei der mittlere Haupthof, von einem durchgehenden viermal geknickten Baukörper eingefasst, sich zur Straße nach Osten öffnet. Die beiden anschließenden Höfe sind entgegengesetzt ausgerichtet. Alle Häuser wurden um drei Innenhöfe angeordnet und die Hauseingänge mit keramikgerahmten Haustüren konnten über den Innenhof erreicht werden.

Der erste Bauabschnitt war bereits 1901 bezugsfertig und umfasste die Gebäude Blitzstraße 25-31, Germaniaring 61-85 und Preetzer Chaussee 46-48. Bis 1902 wurde dann auch der zweite Bauabschnitt, Germaniaring 100-112 und Greifstraße 1-9 und 4-6, bezugsfertig. Eine dritte Erweiterung der Kruppschen Siedlung (Blockrandbebauung, Heimatstil) wurde noch 1917 realisiert und umfasste Gebäude am Germaniaring 45-55 und 88-98 sowie an der Blitzstraße 24-48.

Die Kruppschen Bauten am Ostring sind die ältesten erhaltenen Werkswohnungen in Kiel.

Anmerkung:

Nach Kriegsende, ab 1920, wurde dann der Germaniaring bis an die Segeberger Landstraße (heute Theodor-Heuss-Ring / Konrad-Adenauer-Damm) verlängert. Zwischen 1938 und 1942 wurden am unteren Germaniaring nach Plänen von Ernst Prinz weitere Kruppsche Werkswohnungen (Germaniaring 2-76) errichtet.

Die Kaiserliche Werft legte zwischen Gaarden und Ellerbek für seine Mitarbeiter Werft-Erholungspark an. Den Besuchern stand ein Werfterholungshaus, Spielplätze für die Kinder und ein Karpfenteich zur Verfügung.

Bereits im Jahre 1870 führte die Stadt Kiel die ersten Gespräche mit der Gemeinde Gaarden-Ost und dem Kloster Preetz hinsichtlich einer Eingemeindung des Dorfes. Schließlich wurde man sich im Jahre 1901 einig und Gaarden-Ost wurde in die Stadt Kiel am 1. April 1901 eingemeindet.

Quelle:

* Breit, Günther, Christa Geckeler, Dörfer des Ostufers werden Stadtteile der Großstadt Kiel, in: Das Gymnasium Wellingdorf. Eine Schule auf dem Ostufer, 1914-1989, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 75, S. 30-66

* Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 23. Mai 1867 | Errichtung einer Marinewerft in Ellerbek und des Erscheinungsdatums 23. May 2007

* Walter Ehlert, 2021, Das historische Gaarden, Bauernland wird Industriestandort, Husum, S. 28 - 33

* SVGKStG Band 29 Hrsg. Jürgen Jensen, 1995, Lutz Wilde, Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel, S. 418-444, S. 53 – 59

* MGKStG Band 77-1, 1991, Ulrike Weber-Karge, Wohnungsbau in Gaarden 1880-1950

Gaarden-Süd(fürstliches Gaarden)*

Das an die Förde angrenzende fürstliche Gaarden war durch die südlich der Preetzer Chaussee vom Langsee in die Hörn fließende Mühlenau vom klösterlichen Gaarden getrennt. Weiterhin grenzte die Gemeinde aber auch an die Gemeinden Wellsee, Moorsee, Vieburg, Hassee und Kiel. Das ursprüngliche Dorf Wulvesbrook wurde 1462 an das Kieler Kloster St.-Jürgen verkauft und gehörte somit zum Amt Kiel. Ab 1907 wurde die Gemeinde dann vom Kreis Bordesholm verwaltet. Eine weitere Trennungslinie zwischen den Gemeinden Gaarden-Ost und Gaarden-Süd ergab sich ab 1844 mit der Eisenbahnlinie Kiel-Altona.

Der von Josef Stübben 1901 veröffentliche Stadterweiterungsplan (Stübbenplan) umfasste auch, weit vor der Eingemeindung, das Gebiet Gaarden-Süd. Nach diesem Plan sollte Gaarden-Süd die Lücke zwischen den Stadtteilen auf dem Westufer und dem Ostufer schließen. Die Flächen zwischen der Hamburger Chaussee und dem Barkauer Weg (heute Neue Hamburger Straße) waren durch die Bauernhöfe Vieburg und Marienlust und den Erbpachtstellen Petersburg, Krusenrott, Lübscherbaum sowie der Holzvogtstelle Poppenbrügge nur dünn besiedelt. Nach 1840 kam noch die private Irrenanstalt Hornheim hinzu.

Die kräftigsten Erschließungsaktivitäten in Gaarden-Süd wurden zunächst an der durch die Mühlenau gebildete Grenze zu Gaarden-Ost eingeleitet. Hier entstand bereits nach 1900 östlich des Bahndamms ein zusammenhängendes Wohnviertel mit dichter Bebauung. Die Firma Bielenberg und Sörensen legte zunächst zwei neue Straßen gleichen Namens an. Die Bielenbergstraße und die Sörensenstraße wurden über drei ebenfalls neuen Straßen (Heischstraße, Heintzestraße, Hofstraße) miteinander verbunden. Bis 1910 konnte die Bielenbergstraße bis zur Hofstraße mit viergeschossigen Mietshäusern bebaut werden. Weiterhin wurde parallel noch die Waldemarstraße (heute Sörensenstraße) als direkte Verbindung zwischen Werftstraße und Segeberger Landstraße angelegt.

Das eigentliche Ortszentrum von Gaarden-Süd lag nördlich, eingegrenzt von Asmusstraße und Bahnhofstraße am Joachimplatz und am Oldesloer Platz. Um dieses Gelände herum erbaute man das Rathaus, den Kleinbahnhof, die Schule und die Feuerwache. Ab 1905 errichte der Allgemeine Konsumverein für Kiel und Umgebung auf einem von Sörensenstraße, Heischstraße und Bielenbergstraße eingefassten Grundstück Wohn und Gewerbebauten (u.a. 1908 ein Zentrallager und 1912 ein Verwaltungsgebäude).

Die Schaffung von neuem Wohnraum in Gaarden führte dazu, dass in beiden Gemeinden rasant der dörfliche Charakter verloren ging und die beiden Gemeinden sich zu städtischen Vororten entwickelten. Schon am 1. April 1901 wurde die Gemeinde Gaarden-Ost (klösterliches Gaarden) in Kiel eingemeindet. Im Jahre 1910 folgte dann die Gemeinde Gaarden-Süd (fürstlich Gaarden).

Obwohl es in Gaarden-Süd und Gaarden-Ost um Wohnraum für gering verdienende Beschäftigte ging, setzte sich in Gaarden-Süd auch der weiträumige Siedlungsbau durch. Im Gegensatz zu Gaarden-Ost mit der geschlossenen mehrgeschossigen Blockrandbebauung entstehen in Gaarden-Süd auch aufgelockerte Kleinhaussiedlungen. Gegen Ende des 19 . Jahrhunderts begann dann langsam die villenartige Bebauung der Von-der-Goltz-Allee. Eine durchgängige Bebauung mit villenartigen Häusern erfolgte aber erst zwischen 1905 und 1910 südlich der Dorotheenstraße. An der Hamburger Chaussee stadtauswärts siedelten sich u. a. das Wasserwerk Schulensee, das Eiswerk Drachensee und eine Brauerei an.

Die verschiedenen in Gaarden-Süd umgesetzten Siedlungsbauvorhaben bilden die Auswirkungen der damaligen Wohnungsbaupolitik ab. Um den einkommensschwachen Gesellschaftsschichten auch die Möglichkeit einzuräumen ein kleines Siedlungshaus zu erwerben, wurde mit Hilfe der Stadt Kiel der Gemeinnützige Bauverein Gartenstadt Kiel GmbH gegründet.

Anmerkung:

Die Häuser der Gartenstadt Vieburg wurden vom Kieler Architekten Hans Schnittger entworfen. Zunächst erbaute man 1912 zwei Siedlungshäuser (sog. Torhäuser) an der Einmündung des Petersburger Weges in die Hamburger Chaussee. Erst nach Kriegsende wurden dann weitere Straßen im Baugebiet angelegt. Im Jahre 1925 wurde die Gartenstadt Vieburg fertiggestellt.

1918 wurde das neue preußische Wohnungsgesetz erlassen. Hierin bekannte sich erstmals der Staat sich zu seiner Verantwortung der Wohnraumversorgung gegenüber der Bevölkerung.

Am 1. April 1910 endete die Eigenständigkeit des Dorfes Gaarden-Süd (fürstlich Gaarden) im Kreis Bordesholm. Gaarden-Süd wurde zusammen mit Ellerbek und Wellingdorf in Kiel eingemeindet.

Quelle:

* Breit, Günther, Christa Geckeler, Dörfer des Ostufers werden Stadtteile der Großstadt Kiel, in: Das Gymnasium Wellingdorf. Eine Schule auf dem Ostufer, 1914-1989, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 75, S.30-66

* Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstage: 23. Mai 1867 | Errichtung einer Marinewerft in Ellerbek und des Erscheinungsdatums 23. May 2007

* Walter Ehlert, 2021, Das historische Gaarden, Bauernland wird Industriestandort, Husum, S.28-33

* SVGKStG Band 29 Hrsg. Jürgen Jensen, 1995, Lutz Wilde, Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel, S54 – 59, S62-64, S.418 u. S.439/440

* MGKStG Band 36, 1931, Elli Hädicke, Kiel, Eine stadtgeographische Untersuchung, S.112

* MGKStG Band 77-1, 1991, Ulrike Weber-Karge, Wohnungsbau in Gaarden 1880-1950

Literaturverzeichnis

Ehlert, W. (2021). Das historische Gaarden, Bauernland wird Industriestandort. Husum: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft.

Geckeler, C. (Mai 2007). Kieler Erinnerungstage 23. Mai 1867. Kiel: Stadt Kiel.

Gemeinnützige Heimstätten-Genossenschaft Kiel-Ost, Karl Behnk. (1964). 75 Jahre, Gemeinnützige Heimstätten-Genossenschaft Kiel-Ost e.G.m.b.H. Kiel: Verlag für Wirtschaftswerbung, Elmshorn.

Petersen, S. (2016). Arbeiterbewegung Kommune und Howaldtswerke. Berlin: Pro Business GmbH.

Stoy, V. (2003). Kiel auf dem Weg zur Großstadt. Kiel,: Verlag Ludwig.

Wilde, L. (1995). Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel (Bd. Sonderveröffenlichung 29 der GKStG). (J. Jensen, Hrsg.) Neumünster: Wachholtz Verlag.

Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte:

MGKStG, Band 55, 1966, Hg. Sievert, Ellerbek

Entwicklungsgeschichte Alt-Ellerbeks, Von Julius Prange, 1937, Seite 17ff

Alt-Ellerbek, Siedlung, Bevölkerung und Brauchtum 1937, Von Andreas Blass 1937, Seite 39ff

MGKStG, 2004, Band 82, Heft 1, Tillmann, Alt Ellerbek

MGKStG. 1957, Heft 1/2, Radunz, Kieler Werften im Wandel der Zeit

Stadt Kiel:

www.kiel.de Kieler Straßenlexikon, bis 2005 Hans-G. Hilscher, ab 2005 fortgeführt von Dietrich Bleihöfer, ab 2022 von Frank Mönig, Amt für Bauordnung, Vermessung und Geoinformation der Landeshauptstadt Kiel, Stand: Januar 2021.


Weitere Quellen im Text erwähnt.