Howaldtswerke Kiel / Entwicklung nuklear angetriebener Handelsschiffe 1962-1968

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Einleitung

Quelle:

In der Bundesrepublik Deutschland erreichten die Kernkraftwerke zwischen 1961 und 2023 bei der Stromerzeugung einen Anteil von rund 30%. Heute wäre dieser Kernenergieanteil unvorstellbar. Die Kernenergie ist heute in Deutschland gesellschaftlich und politisch geächtet, die letzten Atommeiler wurden vom Netz genommen oder werden bereits demontiert. Aber Anfang der 1950er Jahre hatte die allgemeine Atombegeisterung auch die bundesdeutsche Politik erfasst und man hatte ein Ministerium für Atomfragen eingerichtet.


Kernenergie in der Bundesrepublik

Quelle:

  • https://de.wikipedia.org, Kernenergie in Deutschland
  • OCEANUM das Maritime Magazin, Band 03, S. 14-25, Hajo Neumann Als die Zukunft noch atomgetrieben war
  • Wikipedia: Erich Bagge / Kurt Diebner / Kurt Illies

Nachdem im Dezember 1953 der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower vor der UN-Generalversammlung seine Rede „Atoms for Peace“ gehalten hatte, wurde im Jahre 1957 in Wien die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) gegründet. Zwischenzeitlich, nach der Rede von Präsident Dwight D. Eisenhower, wurde 1955 in der Schweiz die erste Genfer Atomkonferenz einberufen. Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung, war Vertreter der Bundesrepublik Deutschland auf dieser Konferenz und setzte sich für eine friedliche Nutzung der Kernenergie ein. Diese Aktivitäten lösten in der Bundesrepublik eine Aufbruchstimmung aus. In den 1950er-Jahren war die Haltung in der Bundesrepublik gegenüber der Kernenergie von den Bestrebungen geprägt, den Rückstand in der Atomforschung aufzuholen. Die Risiken der Stromerzeugung durch Kernspaltung wurden eher als gering bzw. nicht höher als bei herkömmlicher Unternehmen eingeschätzt. Wissenschaftler wie der Chemiker Otto Hahn und der Physiker Werner Heisenberg drängten darauf, die friedliche Nutzung der Kernenergie voranzutreiben. Neben Hahn und Heisenberg setzten sich ebenfalls Mitglieder des ehemaligen Uran-Vereins, einer losen Vereinigung von Wissenschaftlern, die sich bereits in der NS-Zeit mit der Nutzbarmachung der Kernenergie beschäftigt hatten, für eine friedliche Nutzung der Kernenergie ein. Als ab 1955 zu erwarten war, dass die Bundesrepublik Deutschland kurzfristig zivile Atomforschung betreiben werde, planten der Professor und Abteilungsleiter des Physikalischen Staatsinstituts an der UNI Hamburg Erich Bagge und der ehemalige Mitarbeiter des Heereswaffenamtes (HWA) Kurt Diebner die Errichtung eines Forschungsreaktors in Hamburg. Unterstützt wurden sie hierbei von Kurt Illies, Professor für Schiffsmaschinenbau an der Technischen Hochschule Hannover. Vor dem Krieg war er Leiter der Konstruktion für Dampfkessel und Dampfturbinen bei Blohm & Voss in Hamburg. In Hannover führte er nach 1952 den Fachbereich Schiffstechnik neu ein. Ab 1955 etablierte sich an der TH Hannover dann eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel einen geeigneten Atomreaktortyp für den Einsatz in der Handelsschifffahrt zu finden. Erich Bagge, Kurt Diebner und Kurt Illies gründeten 1956 die Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt GmbH (GKSS) in Geesthacht. Ein aus den USA gelieferter Versuchsreaktor wurde in Geesthacht bei Hamburg aufgestellt und bereits 1958 erfolgte die Inbetriebnahme durch die GKSS. Dieses wurde von der Fachwelt als eindeutiges Zeichen gewertet, das sich die GKSS eindeutig der Entwicklung von nuklearen Schiffsantrieb widmen wollte. Anmerkung Erich Bagge:

  • Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war Erich Bagge von den Alliierten im Rahmen der Operation Epsilon zusammen mit neun weiteren Physikern ( Kurt Diebner, Walther Gerlach, Otto Hahn, Paul Harteck, Werner Heisenberg, Horst Korsching, Max von Laue, Carl Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz) in Farm Hall (England) interniert.
  • Erich Bagge wurde 1957 die Leitung des von ihm an der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) gegründete Instituts für Reine und Angewandte Kernphysik übertragen. Er sah ein großes Potenzial für in der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Deutschland. Zusammen mit Kurt Diebner entwickelte Erich Bagge zahlreiche Reaktor-Patente und Patente Plutoniumgewinnung. Das Institut war auch auf dem im Bereich Erforschung der Höhenstrahlung aktiv. Dadurch wurde das Kieler Institut für Reine und Angewandte Kernphysik mit ungezählten Ballonstarts weltweit bekannt.

Weitere flankierend Maßnahmen wurden aber auch von der deutschen Regierung umgesetzt. Am 6. Oktober 1955 wurde auf Veranlassung von Bundeskanzler Konrad Adenauer das Bundesministerium für Atomfragen gegründet. Bis 1959 wurde an der Ausarbeitung eines gesetzlichen Rahmens zum Umgang mit der Kernenergie gearbeitet. Das Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren (Atomgesetz) wurde am 23. Dezember 1959 verabschiedet. Der erste Bundesminister für Atomfragen, Franz Josef Strauß, ließ als beratendes Organ die Deutsche Atomkommission einsetzen.

Kernkraftwerke in Deutschland

In das westdeutsche Stromnetz speiste im Juni 1961 das Versuchsatomkraftwerk Kahl erstmals Strom ein. Lange gab es eine anhaltende Euphorie zur Thematik Atomkraft auch hinsichtlich Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Ab 1990 wurden gut 30% des bundesdeutschen Strombedarfs in Atomkraftwerken erzeugt. Die westdeutschen Energieversorger betrieben insgesamt 37 Reaktoren in ihren Kernkraftwerken. Nachdem die deutsche Regierung den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hatte, nahm die Stromproduktion kontinuierlich ab. Im April 2023 wurden die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet.

Der nukleare Schiffsantrieb international

Quellen:

  • Wikipedia: Reaktorschiff
  • Hans Jürgen Warnecke, Köhler 2005, S. 376-381, Schiffsantriebe, 5000 Jahre Innovation
  • OCEANUM das Maritime Magazin, Band 03, S. 14-25, Hajo Neumann Als die Zukunft noch atomgetrieben war

Neben der Nutzung von Kernenergie zur Erzeugung elektrischer Energie wurden aber auch weitere technische und wirtschaftliche Nutzungskonzepte für den Einsatz eines Kernenergieantriebes in der Schifffahrt entwickelt. Am 15. September 1959 wurde das erste zivil genutzte Schiff mit einem Kernenergieantrieb, der sowjetische Atomeisbrecher Lenin, in Dienst gestellt. Als weiterer Erprobungsträger für die Nutzung der Kernenergie als Antrieb von Handelsschiffen folgte 1962 die US-amerikanische Savannah. Auch weitere Schiffbaunationen (Großbritannien, Frankreich, Schweden und Japan) kündigten neben der Bundesrepublik auch den Bau von zivilen Erprobungsträgern an. Eine in Großbritannien 1960 erarbeitete Studie zeigte eindeutig auf, dass ein nuklear angetriebenes Handelsschiff nicht mit einem konventionellen Handelsschiff konkurrieren kann. Da auch Großbritannien den Einsatz nuklear angetriebener Handelsschiffe plante wurde als Folge dieser Studie, nach langen Diskussionen von der Regierung entschieden in Großbritannien ein solches das Projekt nicht weiterzuverfolgen. Ähnliches passierte auch Anfang der 1960er in Italien, den Niederlanden, Norwegen und Schweden. Ergänzend wurden internationale Regelungen ausgearbeitet und jeder Schiffsbetreiber für einen nuklearen Unfall und seine Folgen verantwortlich gemacht, sodass die Hürde, sich für zivilen Nuklearantrieb zu entscheiden, zu hoch wurde und kein entsprechender kommerzieller Anreiz dem gegenüberstand. Ab Mitte der 1970er Jahre war zivile Schifffahrt mit Nuklearantrieb nicht mehr möglich, weil weltweit der politische und gesellschaftliche Widerstand gegen die Nutzung der Atomenergie zu groß wurde. Der Kernenergie-Antrieb blieb auf große Kriegsschiffe wie Flugzeugträger und Kreuzer sowie Unterseeboote beschränkt. Ob er je wieder in der zivilen Schifffahrt vorkommt, hängt sicher von seiner Einordnung in die Energiekonzepte an Land und diese sicher sehr stark von den Energie-Versorgungspreisen, von Umweltproblemen sowie Sicherheitsauflagen ab. Aber auch betriebswirtschaftliche Vorteile zu vorhandenen Antriebstechnologien sind bisher nicht gegeben.

Der nukleare Schiffsantrieb national

Seit Beginn der 50er Jahre wurde die Entwicklung der Kernenergie als Schiffsantrieb vorangetrieben. Am 22. April 1955 stellte die US Navy das erste durch Kernenergie angetriebene Unterseeboot, die USS Nautilus in Dienst. Die Sowjetunion folgte dieser Entwicklung 1958 und stellte im September 1958 das erste sowjetische Atom-U-Boot, die Leninski Komsomol in Fahrt. Die Entwicklung die Kernenergie für den Antrieb von militärischen Einheiten zu nutzen, hält bis heute an.

  • Aber man stellte auch Überlegungen an die Kernenergie auch für Schiffe im zivilen Bereich zu nutzen. Die Einführung des Kernenergieantriebes hing wesentlich von der Wirtschaftlichkeit dieser Antriebsalternative ab. Sowohl in den USA als auch in den Niederlanden wurden ab 1959 Überlegungen angestellt Tanker für den Kernenergieantrieb umzurüsten. Mit dieser Vorgehensweise wollte man die Entwicklungskosten für Bau und Erprobung eines neuen Reaktors minimieren.

Quellen:

  • HANSA Schifffahrt-Schiffbau-Hafen, 96. Jahrgang-1959-Nr33/34-Seite 1761/62)

Wikipedia: Reaktorschiff

Die Entwicklung in Deutschland

In der Bundesrepublik wurde 1956 für die weitere Entwicklung eines Kernenergieantriebes für den Handelsschiffbau die Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt mbH in Geesthacht an der Elbe gegründet. Von 1958 bis 2010 betrieb die GKSS auch für Untersuchungen zur Thematik Reaktorsicherheit den Forschungsreaktor FRG-1. Im Forschungsbereich der GKSS werden zu diesem Zeitpunkt Überlegungen für ein sicheres und wirtschaftliches Schiff mit einem Atomreaktor angestellt. Ähnlich wie in den USA und den Niederlanden wurden Pläne ausgearbeitet in einen vorhandenen Tanker einen Atomreaktor einzubauen. Die GKSS plant im Jahre 1959 die aufgelegte ESSO BOLIVAR als Versuchsschiff für diese neue Antriebsart einzusetzen. Fast wäre dieser doch nun schon 20 Jahre alte Tanker noch einmal reaktiviert worden, doch wie allgemein bekannt ist wurden die Pläne zugunsten eines Neubaus, der OTTO HAHN dann doch verworfen. Daraufhin wurde dieser Veteran der ESSO Tankschiff Reederei dann 1960 endgültig zum Abwracken verkauft. Hauptprojekt der GKSS war bis zur Stilllegung 1979 der nuklear betriebene Massengutfrachter OTTO HAHN, der 1964 vom Stapel lief und bis zum Jahr seiner Stilllegung 1979 Forschungszwecken diente. Seitdem spielte der Schiffbau keine Rolle mehr in der Arbeit der GKSS. Der Kernenergieantrieb konnte sich außer als Antrieb von Eisbrechern in der zivilen Schifffahrt nicht durchsetzen. Anmerkung Esso Bolivar: Quelle:

  • HANSA Schifffahrt-Schiffbau-Hafen, 96. Jahrgang-1959-Nr33/34-Seite 1761/62)

Auf der Kieler Germaniawerft fertigte man zwischen den beiden Weltkriegen mehrere Serien von verschieden großen Motortankern. Die BOLIVAR erhielt die Baunummer 568 und war der letzte Tanker einer vier Schiffe umfassenden Serie. Der Stapellauf fand am 31. März 1937 statt und noch im gleichen Jahr wurde der Neubau auf den Namen ESSO BOLIVAR getauft und am 8. Juli 1937 an den Auftraggeber, die Panama Transport Company einer Tochtergesellschaft der deutschen Waried Tankschiffs Rhederei GmbH, abgeliefert. Die ESSO BOLIVAR war Motortanker (8 Zylinder Zweitakt Krupp Dieselmotor) mit einer Tragfähigkeit von 15.256t. Das Schiff hatte insgesamt 27 Tanks mit einem Fassungsvermögen von 20.000 cbm. Das Einsatzgebiet der ESSO BOLIVAR war die Ostküste Amerikas und der Tanker verkehrte regelmäßig zwischen Aruba auf den Niederländischen Antillen und New York. Neben der Ladung konnten auch bis zu 12 Passagiere auf dieser Strecke befördert werden. Die Besatzung bestand ausschließlich aus deutschen Seeleuten. Zunächst, im Oktober 1951 charterte die Waried die ESSO BOLIVAR. Bereits aber im April 1952 kaufte die Waried Tankschiffs Rhederei die ESSO BOLIVAR von ihrer Tochtergesellschaft in Panama. Das Schiff wird in nur vier Wochen von der Lloyd Werft in Bremerhaven generalüberholt. Während einer Gästefahrt auf der Weser wird am 14. August 1952 die Flagge der Waried Reederei gesetzt. Die ESSO BOLIVAR ist der zweite Tanker neben der ESSO BALTIC der nach Beendigung des 2. Weltkrieges wieder die Waried Flagge führte. Schwesterschiffe der ESSO BOLIVAR waren die zwischen 1935 und 1937 auf der gleichen Werft für englische Rechnung gebauten Tanker W. B. Walker, Narragansett und Henry Dundas. Im Jahre 1958 wird die ESSO BOLIVAR, da sie nicht mehr rentabel betrieben werden kann aufgelegt.

Planung und Bau der Otto Hahn

Im Jahre 1960 schrieb die GKSS ein nuklear angetriebenes Handelsschiff bundesweit aus. Der Schwerpunkt dieser Ausschreibung beinhaltete neben den schiffbaulichen Anforderung auch die Forschungsaufgaben und Erprobungen für diese neue Antriebsanlage. Wie bereits erwähnt wurde zunächst als Erprobungsträger ein Tanker vorgesehen. Da die Ausschreibung aber auch Alternativen forderte (die Ausschreibungsunterlagen der GKSS lagen bei der Werft vor) wurde von der Kieler Howaldtswerke AG ein Erzfrachter angeboten. Der angebotene Schiffsentwurf wurde von der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau- und Schifffahrt akzeptiert. Änderungen am Schiffsentwurf mussten 1962 vorgenommen werden, da der von der GKSS ursprünglich vorgesehene Reaktortyp nicht den Anforderungen entsprach. Trotz der noch offenen Reaktorfrage wurde am 27. November 1962 in Hamburg der Bauvertrag zwischen der GKSS und der Kieler Howaldtswerke AG unterzeichnet. Dem deutschen Physiker Erich Bagge wurde die Leitung des Projektes übertragen. Ein Jahr später wurde dann aus den Angeboten verschiedener Reaktorbauer ein Fortschrittlicher Druckwasser-Reaktor (FDR) des Herstellers Interatom in Bensberg als Energiequelle von der GKSS ausgewählt. Der Bauvertrag der Werft wurde 1963 um die Lieferung und den Einbau der Schiffsreaktoranlage erweitert. Die Kieler Howaldtswerke AG bestellte gemäß der Vertragsergänzung den FDR bei der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Babcock & Wilcox Dampfkesselwerke AG, Oberhausen / INTERATOM Internationale Atomreaktorbau GmbH, Bensberg. Quellen:

  • Howaldtswerke - Deutsche Werft AG, Werkzeitung 3 Juni 1966, M. von zur Mühlen / H. Schmerenbeck, Seite 18/19)

Das Forschungsschiff wurde von 1963 bis 1968 bei der Kieler Howaldtswerke AG gebaut. Die Baukosten einschließlich der Reaktoranlage beliefen sich auf 55 Millionen DM (ohne Uran-Brennstoff). Die Euratom förderte den Bau der Schiffsreaktoranlage bis zum Abschluss des ersten Betriebsjahres mit insgesamt 16 Millionen DM. Quellen:

  • Howaldtswerke - Deutsche Werft AG, Werkzeitung 1 1968, Seite 10 - 13)

Fertigungsablauf

1963 am 17. September erfolgte die Kiellegung für das erste bundesdeutsche Forschungsschiff mit einem Kernenergieantrieb bei der Kieler Howaldtswerke AG im Werk Dietrichsdorf auf der Helling II an der Mündung der Schwentine. Am 13. Juni 1964 erfolgte dann Stapellauf und Taufe dieses neuen Erprobungsträges. Der Neubau erhielt den Namen „OTTO HAHN“. Auch der Namensgeber Otto Hahn (1879 - 1968) der 1938 die Kernspaltung entdeckte, nahm an dieser Zeremonie persönlich teil. Das Forschungsschiff OTTO HAHN war für die kommerzielle Nutzung als Erzfrachter mit sechs großen Laderäumen ausgestattet. Die umfangreichen Aufbauten achtern und mittschiffs angeordnet erlaubten die Unterbring der Besatzung und des mitreisenden Forschungspersonals. Weiterhin standen auch Labor und Ausbildungseinrichtungen zur Verfügung. Mit dem in Kiel erbauten Schwimmkran Magnus II wurde im November 1965 das Druckgefäß des Sicherheitsbehälters in das Schiff eingebracht. Im Mai 1967 folgte dann der Einbau des Reaktordruckbehälters. Am 14.12.1967 erfolgte dann die erste Werftprobefahrt des Neubaus Nr. 1103, dem Kernenergieforschungsschiff OTTO HAHN mit einer Hilfsantriebsanlage. Die Übergabe an die GKSS erfolgte im Februar 1968 im Rahmen einer weiteren Probefahrt. Die Erprobungen und Inbetriebnahmen der gesamten Antriebsanlage erfolgten zunächst ohne Uran Brennelemente. Die GKSS nahm dann in den folgenden Monaten den Reaktor der Otto Hahn in Betrieb und das nuklear angetriebene Schiff absolvierte am 11. Oktober 1968 seine erste Probefahrt. Am 02. Februar 1969 konnte dann die Kieler Bevölkerung, die am Oslo Kai liegende Otto Hahn besichtigen.

Technische Daten

  • Bauwerft Kieler Howaldtswerke AG
  • Baunummer 1103
  • Heimathafen Hamburg
  • Länge (Lüa) 172,05m
  • Breite 23,4m
  • Tiefgang max. 9,22m
  • Vermessung 16.870 BRT
  • Tragfähigkeit 14.079 tdw
  • Besatzung 63 Mann
  • Antrieb Druckwasserreaktor / Dampfturbine
  • Maschinenleistung 11.000 PS (8.090 kW)
  • Höchstgeschwindigkeit 17 Knoten
  • Propeller vierflügelig 1

Verbleib

Nach einer zurückgelegten Strecke von rund 250.000 Seemeilen musste 1972 zum ersten Mal Brennstäbe gewechselt werden. Die Bereederung des Schiffes übernahm am 18. März 1977 die Reederei Hapag-Lloyd in Hamburg von der GKSS. Als Schiff mit einem Kernenergieantrieb war es der OTTO HAHN nicht möglich ungehindert ausländische Häfen anzulaufen. Daher wurde das Forschungsvorhaben 1979 eingestellt. Das Schiff hatte bis dahin rund 650.000 Seemeilen zurückgelegt. 1979 wurde der Kernenergieantrieb dann in Hamburg stillgelegt und ausgebaut. Druckbehälter und die Brennstäbe konnten 1981 im Helmholtz-Zentrum Geesthacht eingelagert werden. Die Otto Hahn wurde im Sommer 1982 an einen Hamburger Reeder verkauft und bei der Rickmers-Werft in Bremerhaven bis zum November 1983 zu einem Motorschiff umgebaut. Das Schiff wurde für den Transport von Containern mit drei Bordkränen ausgestattet und der Brückenaufbau wurde nach achtern verlagert. Von 1989 bis 1998 wurde das Schiff von der chinesischen Reederei COSCO betrieben. COSCO verkaufte das Schiff an griechische Eigner und nutzten die ehemalige OTTO HAHN als Mehrzweckfrachter. Ende 2009 wurde das Schiff dann zum Abbruch verkauft. Ein weiteres, von der Politik bereits angekündigte zweite Schiff wurde nie gebaut und auch die OTTO HAHN selbst konnte die in sie gesetzten hohen Erwartungen kaum erfüllen. Dennoch bleibt die Geschichte dieses einzigartigen Schiffes ein spannendes Kapitel der deutschen Seeschifffahrt. Die OTTO HAHN wurde als drittes ziviles Schiff nach dem sowjetischen Eisbrecher Lenin und der US-amerikanischen Savannah von einem Kernreaktor angetrieben. Das Schiff wurde nach dem Entdecker der Kernspaltung und Nobelpreisträger Otto Hahn benannt. Das Schiff, ein Pilotprojekt für die maritime Nutzung der Kernenergie, blieb aber das einzige deutsche Schiff mit Kernenergieantrieb, im Volksmund auch das „Atomschiff“ genannt.

Literatur

  • Bock, Bruno. Gebaut bei HDW 150 Jahre Howaldtswerke Deutsche Werft AG. Herford: Köhler, 1988. ISBN 3-7822-0450-6.
  • Ostersehlte, Christian. Von Howaldt zu HDW. Hamburg: Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2004. ISBN 3 7822 0916 8.
  • Kleffel, Helmut. 125 Jahre Kieler Howaldtswerke. Kiel: Kieler Howaldtswerke AG, 1963.
  • Meyer, Hans H. Die Schiffe von Howaldt und HDW Band 1, Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums Band 71. Bremerhaven u. Wiefelstede: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Oceanum Verlag e.K., 2013. ISBN 978-3-86927-071-5.
  • Warnecke, Hans-Jürgen. Schiffsantriebe, 5.000 Jahre Innovation. Hamburg: Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, 2005. ISBN 3-7822-0908-7.
  • Rohwedder, Jürgen Beständiger Wandel, Koehlers Verlagsgesellschaft, 2013, ISBN 978-3-7822-1090-4

Quellen und Einzelnachweise

  • Wikipedia: Otto Hahn (Schiff) / Reaktorschiff / Kernenergie in Deutschland
  • Wikipedia: Erich Bagge / Kurt Diebner / Kurt Illies, Otto Hahn / Werner Heisenberg
  • Wikipedia Helmholtz-Zentrum Hereon
  • OCEANUM das Maritime Magazin, Band 03, S. 14-25, Hajo Neumann Als die Zukunft noch atomgetrieben war