Germaniawerft / Standard Oil

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Tankschiffbau auf der Germaniawerft 1913 - 1918

Der erste von der Germaniawerft gebaute Motortanker, die MT Hagen, absolvierte erfolgreich am 12. März 1913 seine Probefahrt in Kiel. Die Germaniawerft Kiel lieferte neben der Hagen noch einen weiteren Motortanker die Loki (8.220 tdw) ab. Zeitgleich baute auch die Reiherstieg Werft Hamburg einen weiteren Motortanker, die Wotan (7970 tdw).

Einen weitere Entwicklungsschritt hinsichtlich der Tragfähigkeit stellt der bei der Germaniawerft 1914 vom Stapel gelaufenen Tanker Wilhelm A. Riedemann mit einer Tragfähigkeit von 15.000 tdw dar. Nach Kriegsbeginn 1914 wurde der Neubau zunächst in der Mündung der Schwentine aufgelegt.

Um auf die Bedeutung des Tankschiffbaus für die Kieler Werftindustrie hinzuweisen, nachfolgendes Zitat:

Aus: 100 Jahre Howaldt, aus dem Jahr 1938, Seite 197/198

„Von allen deutschen Werften hat die Kieler Werftindustrie am Tankschiffbau den größten Anteil. So entfallen von den durch den Standard - Konzern in Auftrag gegebenen Tankschiffen, deren Tonnage etwa 60,5% aller in Deutschland gebauten Tankschiffe beträgt, bis zum Jahr 1936 rund 62% auf die Kieler Werften, die sich mit 51% auf die Howaldtswerke und mit 49% auf die Germaniawerft verteilen. Insgesamt sind die Howaldtswerke mit 2% an der Welttankschifftonnage beteiligt und haben etwa 22% des deutschen Tankschiffbaus nach dem Kriege ausgeführt.“

Die Germaniawerft 1918 - 1939

Die am Ostufer der südlichen Kieler Innenförde angesiedelte und seit 1902 zum Kruppkonzern gehörige Fried. Krupp Germaniawerft (ab dem 1. Juli 1903 dann Fried. Krupp, Aktiengesellschaft Germaniawerft, ab 1923 dann Fried. Krupp Germaniawerft AG Kiel) hatte bis zum Kriegsende 1918 im U-Bootsbau und im Dieselmotorenbau in Deutschland eine führende Stellung eingenommen. Durch die Ausrichtung auf den Marineschiffbau war die Werft nach Kriegsende besonders stark von den Bedingungen des Versailler Vertrages betroffen.

Zunächst wurde auf der Germaniawerft eine Serie von kleinen Motorseglern (Dreimasttoppsegelschoner, Zweimastgaffelschoner und Galeassen) für die Küstenschifffahrt entwickelt und gebaut. Bereits 1920 konnte die Werft mit dem Bau einer großen Viermastbark mit Hilfsmotor (Magdalene Vinnen) beginnen. Ergänzend hierzu lieferte die Germaniawerft weitere fünf große Fünfmast-Rahschoner mit Hilfsmotor an die Bremer Reederei F. A. Vinnen.

Neben neuen Segel- und Motoryachten baute die Germaniawerft bis 1923 lediglich zwei Motortankschiffe.

Die Fried. Krupp Germaniawerft AG Kiel mit den überdachten Hellingen hatte sich neben Blohm & Voss als eine moderne und leistungsfähige Werft etabliert.

Die Werft beschäftigte 1918 noch rund 11.000 Mitarbeiter. In den folgenden Jahren pendelte sich diese Zahl bei ca. 6.000 ein. Ab 1925 gab es dann aber erhebliche Beschäftigungsprobleme (1924 mehr als 8.000 Mitarbeiter, zum Jahresabschluss 1926 nur noch 1.400 Mitarbeiter, 1933 2.460 Mitarbeiter). Der 1928 einsetzende Aufschwung wurde aber erneut Anfang der 1930 durch einen starken Rückgang von Schiffsneubau und Reparaturgeschäft. Die schlechte Ertragslage der Germaniawerft veranlassten den Kruppkonzern über einen Verkauf der Werft nachzudenken.

Trotz aller Schwierigkeiten hielt die Germaniawerft am Handelsschiffbau und am Reparaturgeschäft fest. Zwischen 1924 und 1934, die Germaniawerft lieferte in diesem Zeitraum mehr als 20 Motortanker und 24 Motoryachten ab und so erreichte die Werft wieder eine führende Stellung im Marktsegment Motortanker und Luxusyachten.

Nach 1934 nahm der Kriegsschiffbau auch auf der Germaniawerft wieder eine primäre Rolle ein. Trotz dieser Mehrbelastung betrieb die Germaniawerft auch nach 1935 weiterhin Handelsschiffbau. Sie lieferte von 1935 bis 1939 Motortanker, Fracht- und Passagierschiffe ab, die mit Dieselmotoren aus eigener Produktion ausgerüstet waren.

Standard Oil

Um dem russischen Rohöl den Zugang zum europäischen Markt zu erschweren und den europäischen Petroleumhandel enger an sich zu binden, gründeten am 25. Februar 1890 in Bremen die Standard Oil Company und Wilhelm Anton Riedemann mit seinen Partner Franz-Ernst Schütte und Carl Schütte die Deutsch Amerikanische Petroleum Gesellschaft (DAPG) mit Sitz in Bremen. Die DAPG war mit einem Aktienkapital von 9.000.000.- Mark ausgestattet.

Am 1. April 1890 nimmt die Deutsch Amerikanische Petroleum Gesellschaft (DAPG) den Geschäftsbetrieb auf. Das Petroleumimportgeschäft der Firma Edmund Siemers wurde 1891 ebenfalls von der DAPG übernommen.

Die DAPG übernahm von Riedemann fünf Tankdampfer und orderten nach der Gründung vier weitere Tankdampfer in England.

1904 übernahm die Standard Oil Company das gesamte Aktienkapital und den größten Teil der Genussscheine (Aktien ohne Stimmrecht).von der DAPG.

Nachdem auch der DAPG Firmensitz durch die Standard Oil Company nach Hamburg verlegt wurde, gründete man am 12. Dezember 1908 die Hanseatische Petroleum Handelsgesellschaft mbH als Reederei der DAPG. 1911 verfügte die Reederei bereits über 23 Tankschiffe und hatte an deutsche Werften weitere 21 Neubauaufträge erteilt.

Die Flotte der DAPG umfasste bei Kriegsausbruch am 1. August 1914 insgesamt 41 Tankdampfer und 3 Motortanker. Der Kriegsausbruch wirkte sich auf die Standard Oil Company sehr negativ aus. Da sie ihre Tankerflotte unter deutscher, DAPG Flagge betrieb standen ihr nur noch zwei eigene Schiffe (37 Einheiten waren auf die DAPG eingetragen) für den Transport von Rohöl zur Verfügung.

Nach dem Kriegsausbruch übernahm die Standard Oil bis 1915 insgesamt 23 Tanker, die in amerikanischen Häfen lagen. Sechs dieser Tanker wurden noch vor Kriegsende verkauft. In deutschen Hoheitsgewässern lagen nur noch 10 DAPG Schiffe, die von der Kaiserlichen Marine gechartert wurden.

Zur Vermeidung das die deutsche Marine die restlichen Tanker der DAPG beschlagnahmt, hatte man kurz nach Kriegsbeginn 15% des bereits 1904 von der Standard Oil übernommenen Aktienkapitals an deutsche Staatsbürger übertragen. Trotz der eingetragenen Eigentumsverhältnisse wurde 1919 vier, im Hamburger Hafen liegende Schiffe der DAPG (Loki, Pawnee, Sirius und Wotan) nach Großbritannien überführt und entsprechend des Versailler Vertrages als Reparation an Frankreich abgeliefert.

Nach Kriegsende wurde im September 1919 die Baltisch-Amerikanische-Petroleum-Import-Gesellschaft BAPIG mit Sitz in Danzig, eine Tochtergesellschaft der Standard Oil Company, gegründet. Die nach Kriegsende in Deutschland verbliebenen Schiffe und bestellten Neubauten der DAPG wurden in die BAPIG überführt.

Bereits im November 1919 übertrug man den in der Schwentinemündung aufliegenden Motortanker Wilhelm A. Riedemann (Bau Nr. 188) auf die BAPIG, neuer Name Zoppot. Im Juli 1920 lieferte die Germaniawerft die Zoppot dann an die BAPIG ab.

Die unter der Flagge der freien Stadt Danzig fahrenden Schiffe der BAPIG wurden 1935 an die Panama Transport Company, Flagge Panama übertragen. Man befürchtete das sich Danzig zeitnah wieder mit dem Deutschen Reich vereinen könnte. Die Schiffe wurden aber weiterhin von der zwischenzeitlich 1928 gegründeten WARIED Tankschiff Rheederei GmbH bereedert und auch weiter von deutschen Besatzungen in Fahrt gehalten. Erst kurz vor Kriegsbeginn wurden die deutschen Besatzungen ausgetauscht.

Im Verlauf des Jahres 1923 waren die Reparationsablieferungen gemäß des Versailler Vertrages von den Deutschen Schiffbauern erbracht. Auch der subventionierte Wiederaufbau der deutschen Handelsflotte wurde abgeschlossen. Die nach 1919 von den Werften aufgebauten Fertigungskapazitäten, eine geringe Nachfrage nach Schiffsneubauten, ein Verfall der Frachtraten am Weltmarkt und natürlich auch noch das Fehlen militärischer Aufträge wirkten sich negativ auf die Auslastung der Werften aus. Die ab 1924 aufziehende Schiffbaukrise, mit einer kurzen Erholungsphase zwischen 1927 und 1929, dauerte bis 1934 an. Die Regierung versuchte ab 1925 die andauernde Krise mit staatlichen Programmen (Schiffserneuerungsfond / Zinsverbilligungen / Abwrackprogramm) zu begegnen.

Auch die Germaniawerft war von der langanhaltenden Strukturkrise und dem daraus resultierenden Kapazitätsabbau betroffen.

In dieser Strukturkrise trug die Standard Oil zwischen 1920 und 1934 mit der Vergabe von Neubau- und Reparaturaufträgen an deutsche Werften maßgeblich zur Beschäftigungssicherung bei. Weiterhin wurden die Neubauten grundsätzlich von der WARIED oder der BAPIG betrieben.

Die Liste der Ablieferungen an die Standard Oil führt die Germaniawerft, die im Juli 1920 den bereits 1914 beauftragten Motortanker Wilhelm A. Riedemann (Bau Nr. 188) als Zoppot an die BAPIG ablieferte. Ab 1926 beschäftigte die Standard Oil mit ihren Tochtergesellschaften die größte Flotte von Motortankern.

Zwischen 1935 und 1939 lieferte die Germaniawerft die letzten zwei Motortanker an die Standard Oil ab.

Germaniawerft Kiel / Standard Oil abgelieferte Tanker 1920 - 1939 **

Ablieferung Bau Nr. Name Reederei Tonnage

tdw.

Typ
31.07.1920 188 Zoppot ex.

Wilhelm A. Riedemann

BAPIG 15.740 2 MT
29.04.1925 470 Persephone BAPIG 12.185 2 MT
1925 471 Motorcarline Panama Transport Co. 12.350 2 MT
06 / 1925 469 Den Haag American Petroleum Co. 12.545 2 MT
10 / 1925 478 Rotterdam American Petroleum Co. 12.780 2 MT
1925 479 Ontariolite Imperial Oil, Toronto 12.515 MT
02 / 1926 480 Montrolite Imperial Oil, Toronto 15.600 2 MT
04 / 1926 481 Canadolite Imperial Oil, Toronto 15.600 2 MT
1929 494 California Standard Standard Oil of California 17.172 2 MT
25.10.1930 512 Harry G. Seidel BAPIG 17.699 2 MT
16.12.1932 517 Georg W McKnight BAPIG 18.324 2 MT
10 / 1933 518 Robert F. Hand BAPIG 18.000 2 MT
1935 534 W. B. Walker Oriental Trade & Transport Co. 15.405 MT
04 / 1936 540 Narrangansett British-Mexican-Petroleum Ltd. 15.315 MT
1937 567 Henry Dundas Oriental Trade & Transport Co. 15.415 MT
08.07.1937 568 Esso Bolivar Panama Transport Co. 15.255 MT
1938 569 China Balboa 17.432 2 MT


**Quelle: Verlag Gert Uwe Detlefsen, 1997, Deutsche Reedereien, Band 6, Seite 6 -103

**Quelle: Jochen Brenneke, Tanker, 2. Erweiterte Auflage 1980, Koehlers Verlagsgesellschaft

Allgemein muss angemerkt werden das durch die Unterstützung der DAPG nahen Standard Oil allein 16 Neubauten bei der Germaniawerft beauftragt wurden und so das Überleben der Werft in schwierigen Zeiten sicherten. Viele der an die Standard Oil abgelieferten Motortanker wurden von der WARIED bereedert und versahen mit deutscher Besatzung ihren Dienst. Ab August 1939 wurden die deutschen Besatzungen dann, wegen der drohenden Kriegsgefahr ausgetauscht.

Literaturverzeichnis

Brennecke, J. (1980, 2. erweiterte Auflage). Tanker. Herford: Koehlers Verlagsgesellschaft mbH.

Detlefsen, G. U. (1997). Deutsche Reedereien Band 6. Bad Segeberg / Cuxhaven: Gert Uwe Detlefsen.

Kaarrenbrock B., U. T. (1990). 100 Jahre ESSO. ESSO A. G.

Ostersehlte, C. u. (2014). Schiffbau in Kiel. Husum: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co. KG.

Peters, D. J. (2005). Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 1 1918-1923. Bremerhaven: DSA 28, S. 95-134.

Peters, D. J. (2009). Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 2 1924-1934. Bremerhaven: DSA 32 S. 173-222.

Peters, D. J. (2017). Deutsche Werften in der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Teil 3 1935-1939/1945. Bremerhaven: DSA 40 S. 143-248.

Radunz, K. (1957). Kieler Werften im Wandel der Zeiten. Kiel: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 1957 Heft 1/2